Die deutsche Hotellerie liefert derzeit ein widersprüchliches Bild. Nach außen läuft es gut: volle Häuser an der Küste, ausgebuchte Messewochen, ein Übernachtungsrekord nach dem anderen. Im Innenverhältnis der Bilanzen sieht es anders aus, ähnlich wie in der Gastronomie und bei den Reiseveranstaltern, mit denen die Branche eng verzahnt ist. Die folgenden über 30 Zahlen ordnen ein, wie groß das Problem wirklich ist.
1. Insolvenzen im Beherbergungsgewerbe: die Zahlen
Die Insolvenzen in der Beherbergung stiegen 2025 um 41,5 Prozent.
Damit war die Beherbergung der am stärksten betroffene Teil des Gastgewerbes. Die Gastronomie kam im selben Zeitraum auf ein Plus von 26,3 Prozent, das Gastgewerbe insgesamt auf 27,4 Prozent. Der Hotelbereich lief dem allgemeinen Insolvenzanstieg also deutlich voraus.1
In unserer Datenbank wird der Trend täglich sichtbar.
Bei InsolvenzTracker erfassen wir jede neue Insolvenzeröffnung aus dem amtlichen Justizportal, oft Wochen bevor die offizielle Statistik erscheint. Hotelbetriebsgesellschaften, Pensionen und Ferienanlagen tauchen dabei immer häufiger in den Bekanntmachungen auf.2
Der IHA-Branchenreport beziffert den Anstieg der Beherbergungsinsolvenzen 2025 auf 40,1 Prozent.
Der Hotelverband Deutschland wertet für seinen Report "Hotelmarkt Deutschland 2026" das Geschäftsjahr 2025 aus. Die Zahl der Unternehmensausfälle liegt damit klar über dem Vorkrisenniveau, obwohl Auslastung und Übernachtungen sich erholt haben.3
24.064 Unternehmensinsolvenzen meldeten die deutschen Amtsgerichte für das Jahr 2025.
Das waren 10,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Forderungen der Gläubiger summierten sich auf rund 47,9 Milliarden Euro, nach 58,1 Milliarden Euro im Jahr 2024. Die Hotellerie gerät damit in einem Umfeld unter Druck, in dem das gesamte Insolvenzgeschehen auf Mehrjahreshoch läuft.4
Wir zählen ausschließlich echte Firmeninsolvenzen.
Für unsere Auswertungen filtern wir auf eröffnete Unternehmensinsolvenzen und blenden Privatinsolvenzen, Einzelunternehmer und Nachlassverfahren aus. Jeder Fall ist um Branche, Rechtsform, Standort und zuständiges Amtsgericht angereichert, so lassen sich Hotels, Pensionen und Beherbergungsbetriebe sauber isolieren.5
Creditreform zählte 2025 rund 23.900 Insolvenzen und 285.000 betroffene Arbeitsplätze.
Das war ein Plus von 8,3 Prozent gegenüber 2024 und der höchste Stand seit mehr als zehn Jahren. Die geschätzten volkswirtschaftlichen Schäden lagen bei rund 57 Milliarden Euro. Beherbergungsbetriebe sind dabei überdurchschnittlich personalintensiv, jede Pleite trifft entsprechend viele Beschäftigte.6
Im zweiten Quartal 2026 registrierte das IWH 4.996 Insolvenzen, den höchsten Stand seit 21 Jahren.
Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle meldete für Juni 2026 allein 1.702 Fälle, 20 Prozent mehr als im Juni 2025. Rund 45.500 Arbeitsplätze waren im Quartal betroffen. Neue Höchstwerte seit 2020 verzeichnete das Institut ausdrücklich auch im Gastgewerbe.7
2. Rekordübernachtungen, schrumpfende Margen
Wer nur auf die Gästezahlen schaut, versteht die Krise nicht. Die Nachfrage ist da, aber sie wird zu Preisen bedient, die die gestiegenen Kosten nicht mehr decken.
2025 zählten die deutschen Beherbergungsbetriebe 497,5 Millionen Übernachtungen, ein neuer Rekord.
Das waren 0,3 Prozent mehr als im bisherigen Rekordjahr 2024. Getragen wurde der Zuwachs allein von inländischen Gästen mit 413,7 Millionen Übernachtungen (plus 0,7 Prozent), während ausländische Gäste mit 83,8 Millionen um 1,8 Prozent zurückgingen. Der Ausländeranteil sank auf 16,8 Prozent.8
Der Hotelsektor allein verlor 2025 sogar 0,5 Prozent an Übernachtungen.
Der Rekord des Gesamtmarktes verdeckt, dass klassische Hotels schlechter abschnitten als die Branche insgesamt. Über sechs Jahre gerechnet steht für das Beherbergungsgewerbe seit 2019 nur ein Plus von 0,4 Prozent zu Buche, und die Übernachtungen internationaler Gäste lagen 2025 noch 7,0 Prozent unter dem Vorkrisenniveau.9
Die Zimmerauslastung stieg 2025 auf 68,1 Prozent, der Zimmerpreis sank dagegen um 2,8 Prozent auf 109 Euro.
Der Erlös je verfügbarem Zimmer (RevPAR) gab auf 74 Euro nach. Der Hotelverband Deutschland spricht in seinem Branchenreport von einer strukturellen Margenkrise: mehr Gäste, aber weniger Ertrag je Zimmer. Genau diese Schere erklärt, warum Rekordbelegung und Rekordinsolvenzen gleichzeitig auftreten.10
Die Fälle verteilen sich über die ganze Republik, von der Küste bis zum Mittelgebirge.
In unseren Daten reichen die betroffenen Betriebe vom Stadthotel in der Messemetropole über den Ferienpark im Hunsrück bis zur Pension an der Ostsee. Die regionale Verteilung der eröffneten Verfahren lässt sich live in unseren Statistiken nachvollziehen.11
Nach STR-Benchmarkdaten fiel der RevPAR 2025 auf 74,10 Euro, ein Minus von 1,7 Prozent.
Die Auslastung lag in dieser Auswertung bei 66,8 Prozent nach 67,2 Prozent im Vorjahr, der durchschnittliche Zimmerpreis bei 110,93 Euro (minus 1,1 Prozent). Am stärksten unter Druck standen Budget- und Economy-Häuser mit einem RevPAR-Rückgang von 2,4 Prozent, während das Luxussegment stabiler blieb.12
Bundesweit sank der RevPAR 2025 um 0,7 Prozent, München war der einzige A-Standort mit Wachstum.
Berlin litt trotz guter Auslastung unter rückläufigen Zimmerpreisen. Unter den B-Städten lag allein Münster über dem nationalen RevPAR-Durchschnitt, unter den C-Städten stach Rostock mit außergewöhnlich hoher Auslastung hervor. Die Spreizung zwischen den Standorten ist damit größer als der Bundesdurchschnitt vermuten lässt.13
Für 2026 werden Stadthotels bei 68 bis 72 Prozent Auslastung erwartet, Ferienhotels nur bei 62 bis 66 Prozent.
Die Prognose stützt sich unter anderem auf Daten von Destatis, DEHOGA und der Deutschen Zentrale für Tourismus und rechnet mit einem durchschnittlichen Zimmerpreis von 115 bis 125 Euro. Der strukturelle Abstand zwischen Städte- und Ferienhotellerie bleibt damit bestehen, obwohl gerade Ferienhäuser besonders kapitalintensiv sind.14
3. Betriebssterben, Umsatz und Kosten
Insolvenzen sind nur die sichtbarste Form des Rückzugs. Viele Häuser schließen still, werden verkauft oder in Wohnraum umgewandelt, bevor es überhaupt zum Verfahren kommt.
Der reale Gastgewerbeumsatz lag 2025 um 14,8 Prozent unter dem Niveau von 2019.
Es war das sechste Verlustjahr in Folge. Preisbereinigt hat die Branche also nie wieder an die Zeit vor der Pandemie angeknüpft, obwohl die nominalen Umsätze steigen. Die Differenz zwischen nominal und real ist genau der Teil, den Inflation und Kostensteigerungen aufgefressen haben.15
Die Zahl der umsatzsteuerpflichtigen Gastgewerbebetriebe fiel auf 202.110, ein Minus von 9,1 Prozent gegenüber 2019.
Basis ist die Umsatzsteuerstatistik des Statistischen Bundesamts, ausgewertet im DEHOGA-Zahlenspiegel für das Jahr 2023. Rund jeder elfte Betrieb ist damit binnen vier Jahren vom Markt verschwunden, ohne dass jeder dieser Abgänge als Insolvenz in der Statistik auftaucht.16
Aus einer Schlagzeile werden bei Hotelgruppen oft dutzende Verfahren.
In unseren Daten zerfällt die Insolvenz einer Kette mit Verzögerung in einzelne Einträge je Betriebsgesellschaft und Amtsgericht. Genau diese Fälle macht die Insolvenzkarte standortgenau sichtbar, auch dann, wenn überregional nur der Konzernname genannt wird.17
In der Gastronomie meldeten 2025 mehr als 2.900 Betriebe Insolvenz an, rund 30 Prozent mehr als im Vorjahr.
Zwischen 2020 und 2025 zählte die Branche über 11.200 Insolvenzen, zusätzlich stellten knapp 69.000 Unternehmen ihren Betrieb regulär ein. Bei rund 40 Prozent der Betriebe liegt die Eigenkapitalquote unter 10 Prozent. Für Hotels mit angeschlossenem Restaurant ist das doppelt relevant, weil beide Sparten am selben Kostenblock hängen.18
Der gesetzliche Mindestlohn steigt zum 1. Januar 2026 auf 13,90 Euro und 2027 auf 14,60 Euro.
Die Mindestlohnkommission beschloss die zwei Stufen am 27. Juni 2025. Gegenüber den 12,82 Euro des Jahres 2025 bedeutet das ein Plus von 8,42 Prozent im ersten und weiteren 5,04 Prozent im zweiten Schritt. In der personalintensiven Hotellerie schlägt jede Erhöhung unmittelbar auf die Kalkulation durch.19
Im Hotel- und Gaststättengewerbe fehlten im Jahresdurchschnitt 2.703 Fachkräfte.
Der Wert bezieht sich auf den Zeitraum Juli 2024 bis Juni 2025. Zugleich meldete die Bundesagentur für Arbeit für Oktober 2025 einen Rückgang der gemeldeten offenen Stellen um 17,5 Prozent im Beherbergungsgewerbe und um 24,4 Prozent in der Gastronomie. Der Personalmangel entspannt sich also auch deshalb, weil Betriebe schließen oder Kapazitäten zurückfahren.20
4. Die Insolvenzfälle: von der Hotelkette bis zum Traditionshaus
Die Krise trifft alle Größenklassen: den Konzern mit dreistelliger Hotelzahl ebenso wie das denkmalgeschützte Grandhotel und den familiengeführten Ferienpark.
Rund 140 Gesellschaften der Revo Hospitality Group stellten am 16. Januar 2026 Insolvenzantrag.
Die Anträge auf Eigenverwaltung gingen beim Amtsgericht Charlottenburg ein und betrafen zeitweise bis zu 175 Hotels mit mehreren tausend Beschäftigten sowie rund 450 Mitarbeiter in der Berliner Zentrale, deren Stellen entfielen. Als Ursachen gelten gestiegene Lohn-, Miet- und Energiekosten sowie die vorangegangene Expansion. Das Portfolio wurde anschließend auf mehrere internationale Hotelgruppen und Investoren aufgeteilt.21
Die Achat-Gruppe ging mit 49 Hotels in die Eigenverwaltung und kam mit 32 Häusern wieder heraus.
Der Antrag beim Amtsgericht Mannheim datiert vom 29. November 2024. Als Gründe nannte das Unternehmen die nachgelagerten Folgen der Pandemie, die Inflation, ein verändertes Buchungsverhalten von Geschäftskunden und eine aufgeschobene digitale Umstrukturierung. Nach rund acht Monaten endete das Verfahren im August 2025, 20 Häuser gingen an andere Betreiber über.22
Das Steigenberger Grand Hotel Bad Pyrmont beantragte am 6. Februar 2026 Insolvenz in Eigenverwaltung.
Der Antrag ging beim Amtsgericht Hameln ein, betroffen sind 62 Mitarbeitende und rund 150 Zimmer. Auslöser waren Mehrkosten von rund 6,5 Millionen Euro bei der seit Anfang 2024 laufenden Modernisierung des denkmalgeschützten Hauses, vor allem für Brand- und Schallschutz. Gespräche über eine Kostenbeteiligung des Landes Niedersachsen scheiterten.23
Jeden Tag kommen neue Fälle hinzu.
Auf der Insolvenzkarte sehen wir die Eröffnungen nahezu in Echtzeit, vom Hostel über die Pension bis zum Vier-Sterne-Haus. Häufig hängen daran auch Restaurantbetriebe, Brauereigasthöfe und Zulieferer, deren Lage wir in unseren Reports zur Brauwirtschaft und zum Bäckerhandwerk beleuchten.24
Der Stralsunder Scheelehof stellte den Betrieb am 2. November 2025 ein, rund 90 Mitarbeiter verloren ihren Job.
Das Hotel mit über 100 Zimmern in fünf historischen Fachwerkhäusern ging in Eigenverwaltung. Die Immobilien waren nur gepachtet: Ein Investor sprang ab, nachdem der Eigentümer den geplanten Verkauf kurzfristig ablehnte, ein Ersatzinvestor fand sich nicht. Der Fall zeigt, wie stark Betreibergesellschaften von der Eigentümerseite abhängen.25
Der Ferienpark Hambachtal mit 1.250 Betten meldete am 28. August 2025 Insolvenz an.
Der Antrag der Betriebsgesellschaft ging beim Amtsgericht Idar-Oberstein ein, betroffen waren 86 Beschäftigte, 218 Ferienhäuser und 48 Appartements. Als Ursachen wurden Nachwirkungen der Coronakrise, hohe Energiekosten und ein Investitionsstau genannt. Die vorläufige Insolvenzverwalterin führte den Betrieb ohne Personalabbau fort, erste Kaufinteressenten meldeten sich.26
In Vlotho eröffnete das Amtsgericht Bielefeld am 30. April 2026 das Verfahren über ein Hotel mit 98 Zimmern.
Betroffen ist die B&K Hotels GmbH, die das Haus im März 2024 übernommen hatte. Die Zahl der Angestellten war zu diesem Zeitpunkt bereits von 30 auf 20 gesunken, die Zimmerzahl von ursprünglich 150 auf 98 reduziert. Ein vorläufiger Insolvenzverwalter wurde bestellt, ein Investor wird gesucht.27
Für das Hotel Sonnenhof in Grafenau ordnete das Amtsgericht Hanau am 18. März 2026 die vorläufige Verwaltung an.
Das ehemalige Steigenberger-Haus wird unter dem Aktenzeichen 70 IN 147/26 geführt, ein vorläufiger Insolvenzverwalter ist bestellt. Hintergrund ist ein Konflikt zwischen Betreibergruppe und Eigentümer. Das Hotel nahm zeitweise keine Gäste mehr auf, obwohl über Onlineportale weiterhin Buchungen möglich waren.28
5. Immobilien, Geschäftsreisen und der Ausblick 2026
Hotels sind nicht nur Dienstleister, sondern immer auch Immobilien. Deshalb entscheidet neben der Auslastung vor allem die Finanzierungsseite darüber, wer die nächsten Jahre übersteht.
Der deutsche Hotelinvestmentmarkt legte 2025 um 38 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro zu.
Unter allen Assetklassen verzeichneten Hotels damit den größten Zuwachs beim Transaktionsvolumen. Das ist einerseits ein Vertrauenssignal, andererseits Ausdruck der Konsolidierung: Ein erheblicher Teil des Volumens entfällt auf Häuser, die aus Notlagen oder Insolvenzen heraus den Eigentümer wechseln.29
2025 wurden in Deutschland 116,1 Millionen Geschäftsreisen unternommen, aber die Kosten je Reise sanken auf 418 Euro.
Die Zahl der Reisen stieg gegenüber 2024 um 8,3 Prozent, die durchschnittlichen Kosten je Reise gingen um 4,8 Prozent zurück. Das Marktvolumen lag bei 48,6 Milliarden Euro. Für die Stadthotellerie bedeutet das: Die Geschäftsreisenden kommen zurück, geben pro Aufenthalt aber weniger aus als früher.30
Die nächsten Fälle stehen schon in den Bekanntmachungen.
Viele Häuser versuchen die Sanierung in Eigenverwaltung, werden an neue Betreiber verkauft oder schließen nach Jahrzehnten endgültig. Solange Zimmerpreise, Personalkosten und Finanzierungslasten so weit auseinanderlaufen, dürften weitere Namen folgen. Wer wissen will, welche Standorte gerade betroffen sind, sieht das auf der Insolvenzkarte oft Tage vor den Schlagzeilen.31