Die Lust am Reisen ist ungebrochen, die Deutschen geben so viel für den Urlaub aus wie nie. Trotzdem häufen sich in der Touristik die Insolvenzanträge, von der kleinen Spezialagentur bis zum Milliardenkonzern. Besonders die margenschwachen Veranstalter und die eng damit verzahnten Reisebüros, Hotels und Incoming-Agenturen geraten unter Druck. Die folgenden über 30 Zahlen ordnen ein, wie groß das Problem wirklich ist.
1. Insolvenzen auf Rekordniveau
24.064 Unternehmensinsolvenzen gab es 2025 in Deutschland.
Das waren 10,3 Prozent mehr als im Vorjahr und der höchste Wert seit 2014, als 24.085 Fälle gezählt wurden. Damit folgte 2025 auf zwei Jahre mit Anstiegen von jeweils über 20 Prozent.1
Das Gastgewerbe zählt zu den am stärksten betroffenen Branchen.
Mit rund 108 Insolvenzen je 10.000 Unternehmen lag das Gastgewerbe 2025 auf dem zweiten Platz der Insolvenzquoten, direkt hinter Verkehr und Lagerei (133 Fälle). Beherbergung und Gastronomie hängen eng am Reisegeschäft.2
In unserer Datenbank wird der Trend täglich sichtbar.
Bei InsolvenzTracker registrieren wir jede neue Insolvenzeröffnung aus dem amtlichen Justizportal, oft Wochen bevor die offizielle Statistik erscheint. Reiseveranstalter und Touristik sind dabei überdurchschnittlich vertreten.3
Wir zählen ausschließlich echte Firmeninsolvenzen.
Für diese Auswertung filtern wir auf eröffnete Unternehmensinsolvenzen und blenden Privatinsolvenzen, Einzelunternehmer und Nachlassverfahren aus. Jeder Fall ist um Branche, Rechtsform, Standort und zuständiges Amtsgericht angereichert, so lässt sich die Touristik sauber isolieren.4
2023 wurden 17 Insolvenzverfahren von Reiseveranstaltern eröffnet.
Hinzu kamen fünf Verfahren, die mangels Masse abgewiesen wurden. Damit stieg die Zahl der eröffneten Veranstalter-Insolvenzen gegenüber dem Vorjahr wieder an, nachdem die Corona-Hilfen viele Pleiten zunächst aufgeschoben hatten.5
Bei den Reisebüros wurden 2023 rund 20 Verfahren eröffnet.
Zusätzlich wurden neun Anträge mangels Masse abgewiesen. Reisebüros und Veranstalter sind eng verzahnt: Kippt ein Veranstalter, brechen den vermittelnden Büros oft Provisionen und Anzahlungen weg.6
Jeden Tag kommen neue Fälle hinzu.
Auf der Insolvenzkarte sehen wir die Eröffnungen nahezu in Echtzeit. Gerade aus dem Reise- und Tourismusgewerbe ist kaum eine Woche ohne neue Einträge zur Normalität geworden.7
2. Warum es die Touristik besonders trifft
Die Reisebranche lebt von Vorkasse, dünnen Margen und Vertrauen. Genau diese Mischung macht sie anfällig, sobald die Liquidität knapp wird oder ein Partner wackelt.
Die Insolvenzen im Gastgewerbe stiegen 2025 um 27,4 Prozent.
Nach Auswertung von Creditreform legte das gesamte Gastgewerbe deutlich zu und bleibt damit eines der größten Sorgenkinder der Wirtschaft. Hotels und Gastronomie sind das Rückgrat fast jeder Urlaubsreise.8
In der Beherbergung schnellten die Insolvenzen 2025 um 41,5 Prozent nach oben.
Das war der stärkste Anstieg innerhalb des Gastgewerbes. Hohe Energie- und Personalkosten treffen Hotels und Pensionen besonders hart, viele zehren noch an Schulden aus der Corona-Zeit.9
Die Insolvenzen ballen sich regional.
In unseren Daten konzentrieren sich Touristik-Pleiten dort, wo Veranstalter, Reisebüroketten und Hotelgesellschaften ihre Sitze haben, etwa in München, im Rhein-Main-Gebiet und in den Tourismushochburgen an den Küsten und in den Alpen. Die regionale Verteilung lässt sich live in unseren Statistiken nachvollziehen.10
Die Gastronomie verzeichnete 2025 ein Plus von 26,3 Prozent.
Auch ohne große Schlagzeilen summieren sich die vielen kleinen Pleiten in Restaurants, Cafés und Hotelbetrieben. In der Creditreform-Datenbank zählt die Gastronomie zu den am stärksten insolvenzgefährdeten Branchen Deutschlands.11
Pauschalreisen ins Ausland wurden 2025 um 5,4 Prozent teurer.
Im ersten Halbjahr 2025 legten die Preise gegenüber dem Vorjahr deutlich zu, für Reisen in die Türkei sogar um 10,1 Prozent. Steigende Einkaufspreise drücken die ohnehin dünnen Margen der Veranstalter weiter zusammen.12
Auch Spezialveranstalter trifft es: Im April 2025 ging ein Anbieter von Abireisen pleite.
Die auf Abschlussfahrten spezialisierte Aby GmbH musste Mitte April 2025 Insolvenz anmelden. Gerade Nischenveranstalter ohne finanzielle Reserven geraten schnell ins Straucheln, wenn Buchungen einbrechen oder Vorkasse fällig wird.13
3. Der Fall FTI und die großen Pleiten
Insolvenzen in der Touristik prägen vor allem die spektakulären Konzernpleiten. Sie zeigen, wie viele Beteiligte an einem einzigen Veranstalter hängen.
Am 3. Juni 2024 meldete FTI Insolvenz an, Deutschlands drittgrößter Reiseveranstalter.
Es war die größte Touristik-Pleite seit Thomas Cook. Nur elf Tage später, am 14. Juni 2024, stand fest: Alle gebuchten Reisen werden storniert, der Geschäftsbetrieb wird eingestellt.14
Rund 11.000 Beschäftigte waren von der FTI-Insolvenz betroffen.
So viele Menschen arbeiteten weltweit für die FTI Group. Betroffen waren neben der FTI Touristik unter anderem 5vorFlug, BigXtra und mehrere Autovermittlungsmarken.15
FTI setzte zuletzt rund 4,1 Milliarden Euro im Jahr um.
Damit war die Gruppe der drittgrößte Reisekonzern Europas. Schon seit der Corona-Krise galt FTI als Sorgenkind der Branche und hatte 595 Millionen Euro an staatlichen Hilfen erhalten.16
Rund 175.000 Buchungen und Einzelleistungen mussten storniert werden.
Der vorläufige Insolvenzverwalter bezifferte die Zahl der betroffenen Pauschalreisen und gecancelten Einzelleistungen auf insgesamt 175.000. Viele Urlauber saßen mitten in den Vorbereitungen oder bereits am Zielort.17
Mehr als 73.000 Gläubiger meldeten knapp 980 Millionen Euro Forderungen an.
Im Insolvenzverfahren der FTI Touristik summierten sich die angemeldeten Forderungen auf fast eine Milliarde Euro. Es ist absehbar, dass am Ende nur eine sehr geringe Quote ausgezahlt wird.18
Der Reisesicherungsfonds zahlte rund 245 Millionen Euro an Urlauber aus.
Der Deutsche Reisesicherungsfonds (DRSF) bearbeitete rund 172.000 Erstattungsanträge von FTI-Kunden. Ohne diese gesetzliche Absicherung hätten Pauschalreisende ihre Anzahlungen weitgehend verloren.19
Schon 2019 traf die Thomas-Cook-Pleite 220.000 Kunden in Deutschland.
Der damals zweitgrößte Touristikkonzern des Landes ging insolvent, rund 140.000 Gäste waren zum Zeitpunkt des Antrags unterwegs. Marken wie Neckermann Reisen und Öger Tours verschwanden vom Markt.20
Für die Thomas-Cook-Kunden zahlte der Bund bis zu 225,25 Millionen Euro.
Weil die damalige Insolvenzversicherung gedeckelt war, sprang der Staat ein und entschädigte die Geschädigten. Genau diese Lücke schloss später der verpflichtende Reisesicherungsfonds.21
In unseren Daten zerfallen Konzernpleiten in einzelne Standortinsolvenzen.
Was als Konzern- oder Ketten-Schlagzeile beginnt, taucht mit Verzögerung als einzelne Standortpleite einer Tochtergesellschaft, einer Filiale oder eines abhängigen Vermittlers in den amtlichen Bekanntmachungen auf. Genau diese Fälle macht die Insolvenzkarte sichtbar.22
4. Reisemarkt und Reisebüros unter Druck
Paradox an der Lage: Der Reisemarkt boomt, die Ausgaben erreichen Rekorde. Trotzdem reicht das vielen Betrieben nicht zum Überleben.
83,4 Milliarden Euro gaben die Deutschen 2024 für vorab gebuchte Reisen aus.
Das war ein Plus von 5,6 Prozent und ein neuer Rekordwert. Die Reiselust ist also ungebrochen, der Verdrängungswettbewerb unter den Anbietern aber genauso.23
Knapp 40 Milliarden Euro entfielen 2024 auf Pauschal- und Bausteinreisen.
Das Veranstaltergeschäft legte um rund sieben Prozent zu und macht fast die Hälfte des gesamten Reisemarktes aus. Gerade hier entscheiden kleine Margenunterschiede über Gewinn oder Insolvenz.24
Über stationäre Reisebüros wurden 2024 Reisen für 22,0 Milliarden Euro gebucht.
Nach 20,7 Milliarden Euro im Vorjahr stieg der vermittelte Umsatz an. Trotzdem belasten steigende Personal- und Standortkosten die Erträge, vor allem bei kleinen Büros.25
Es gibt noch über 6.700 stationäre Reisebüros in Deutschland.
Das ist deutlich weniger als vor der Pandemie. Jede Veranstalterpleite und jeder Margendruck beschleunigt die Marktbereinigung in diesem dichten Netz weiter.26
Der Tourismus sichert in Deutschland rund 3 Millionen Arbeitsplätze.
Die Branche gehört damit zu den größten Arbeitgebern des Landes und trägt einen Milliardenbetrag zur Bruttowertschöpfung bei. Entsprechend weit strahlt jede größere Insolvenz in die Region aus.27
5. Die Ursachen der Krise
2025 erreichten die Firmenpleiten ein 20-Jahres-Hoch.
Der IWH-Insolvenztrend des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle zählte 17.604 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften, den höchsten Wert seit 2005. Neue Rekordwerte gab es unter anderem im Bereich Hotel und Gastronomie.28
Rund 170.000 Jobs waren 2025 von Insolvenzen betroffen.
Das IWH Halle beziffert die Zahl der bei den größten Insolvenzen betroffenen Beschäftigten auf einen sehr hohen Wert. Als Ursachen gelten anhaltende konjunkturelle Probleme und Nachholeffekte aus der Niedrigzins- und Corona-Zeit.29
Die nächsten Fälle stehen schon in den Bekanntmachungen.
Vorkasse, dünne Margen, hohe Fixkosten und ein verschärfter Verdrängungswettbewerb bleiben bestehen. Solange das so ist, dürften weitere Veranstalter, Reisebüros und Hotels folgen. Wer wissen will, welche Betriebe gerade betroffen sind, sieht das auf der Insolvenzkarte oft Tage vor den Schlagzeilen.30