Lange galten Brauereien als krisenfest: Getrunken wird immer, hieß es. Inzwischen reiht sich die Braubranche in die Liste der Sorgenkinder ein, ähnlich wie die Gastronomie und das Bäckerhandwerk, mit denen sie eng verflochten ist. Sinkender Konsum, explodierende Kosten und ein jahrzehntelanger Strukturwandel treffen vom Familienbetrieb bis zum Traditionskonzern jede Betriebsgröße. Die folgenden über 30 Zahlen ordnen ein, wie groß das Problem wirklich ist.
1. Bierabsatz auf historischem Tief
2025 sank der Bierabsatz um 6,0 Prozent auf rund 7,8 Milliarden Liter.
Das war der stärkste Rückgang seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 1993, erstmals fiel der Absatz unter 8 Milliarden Liter. Im Vergleich zu 2015 setzten die deutschen Brauereien und Bierlager sogar 18,9 Prozent oder 1,8 Milliarden Liter weniger ab.1
In unserer Datenbank wird der Trend täglich sichtbar.
Bei InsolvenzTracker registrieren wir jede neue Insolvenzeröffnung aus dem amtlichen Justizportal, oft Wochen bevor die offizielle Statistik erscheint. Brauereien, Braugasthöfe und Getränkehersteller tauchen dabei immer häufiger in den Bekanntmachungen auf.2
Im ersten Halbjahr 2025 fiel der Absatz erstmals unter 4 Milliarden Liter.
Mit rund 3,9 Milliarden Litern lag er um 6,3 Prozent oder 262 Millionen Liter unter dem Vorjahreszeitraum. Seit Beginn der Erfassung 1993 war der Absatz in keinem Halbjahr zuvor unter die 4-Milliarden-Marke gerutscht.3
Der Branchenumsatz brach 2025 um 3,7 Prozent auf 8,68 Milliarden Euro ein.
Jahrelang hatten Preiserhöhungen den Mengenverlust überdeckt: Der Erlös stieg, obwohl die Menge fiel. 2025 funktionierte dieser Ausgleich nicht mehr, die Preisschraube ist ausgereizt und der Umsatz der Betriebe ab 20 Beschäftigten sank von zuvor 9,01 Milliarden Euro deutlich.4
Wir zählen ausschließlich echte Firmeninsolvenzen.
Für diese Auswertung filtern wir auf eröffnete Unternehmensinsolvenzen und blenden Privatinsolvenzen, Einzelunternehmer und Nachlassverfahren aus. Jeder Fall ist um Branche, Rechtsform, Standort und zuständiges Amtsgericht angereichert, so lassen sich Brauereien und Getränkehersteller sauber isolieren.5
23.900 Firmen meldeten 2025 in Deutschland Insolvenz an.
Das waren 8,3 Prozent mehr als im Vorjahr und der höchste Stand seit mehr als zehn Jahren. Die Brauereien geraten damit in einem Umfeld unter Druck, in dem das Insolvenzgeschehen ohnehin auf Rekordniveau läuft.6
2. Das Brauereisterben in Zahlen
Insolvenzen sind nur die sichtbarste Form des Rückzugs. Viele Brauereien geben still auf, bevor es zum Verfahren kommt: Der Kessel bleibt kalt, die Marke wird verkauft oder verschwindet ganz.
Nur noch 1.415 Braustätten zählte Deutschland 2025.
Vom Höchststand mit 1.552 Betrieben im Jahr 2019 ging es binnen sechs Jahren um 137 Standorte nach unten. Damit ist der jahrzehntelange Gründungsboom der Craft-Beer-Ära endgültig gekippt.7
Allein 2024 mussten 52 Braustätten schließen.
Ende 2024 gab es noch 1.459 Brauereien im Land. DBB-Präsident Christian Weber beschreibt das Muster so: Keine Brauerei schließe von heute auf morgen, die meisten betroffenen Betriebe hätten mehrere ertragsschwache Jahre hinter sich, die Reserven seien aufgezehrt.8
Die Fälle ballen sich in den klassischen Bierregionen.
In unseren Daten konzentrieren sich Brauerei-Pleiten und Schließungen auf Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, also genau dort, wo die Brauereidichte am höchsten ist. Die regionale Verteilung lässt sich live in unseren Statistiken nachvollziehen.9
Bayern verlor seit 2019 insgesamt 50 Brauereien.
Dahinter folgen Nordrhein-Westfalen mit minus 24, Hessen mit minus 14 und Baden-Württemberg mit minus 9 Betrieben. Entgegen dem Trend legten Sachsen (plus 7), Thüringen (plus 4) und Mecklenburg-Vorpommern (plus 3) leicht zu.10
Die Mitte stirbt zuerst: Mittelgroße Braustätten verschwinden am schnellsten.
Seit 2015 schrumpfte die Zahl der Betriebe mit bis zu 100.000 Hektolitern Jahresausstoß um 25,8 Prozent auf 46, die Klasse bis 10.000 Hektoliter um 20,8 Prozent auf 76. Kleinstbrauereien bis 1.000 Hektoliter wuchsen dagegen um 13,6 Prozent auf 821 Betriebe.11
Der Pro-Kopf-Verbrauch fiel von fast 130 Litern auf 88 Liter.
1995 tranken die Deutschen im Schnitt noch knapp 130 Liter Bier pro Jahr, 2024 waren es nur noch 88 Liter. Der Deutsche Brauer-Bund nennt als Hauptgründe die demografische Entwicklung und eine massive Konsumzurückhaltung der Verbraucher.12
Mehr als 27.000 Menschen arbeiten in den deutschen Brauereien.
Rund 70 Prozent der Betriebe liegen in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Jede Schließung trifft damit überproportional oft ländliche Regionen, in denen die Brauerei seit Generationen zu den größten Arbeitgebern des Ortes gehört.13
3. Die Insolvenzfälle: Traditionsbrauereien am Ende
Was lange undenkbar schien, ist inzwischen fast Routine: Brauereien mit Jahrhunderten an Geschichte landen vor dem Insolvenzgericht. Allein im Juni 2026 meldeten binnen rund zwei Wochen gleich drei Traditionsbetriebe Insolvenz an.
Die Mannheimer Eichbaum-Brauerei meldete Ende Oktober 2025 Insolvenz an.
Der 1679 gegründete Betrieb ging in die Eigenverwaltung, nachdem die Exportumsätze eingebrochen waren und die Inlandsnachfrage sank. Kurz zuvor hatte Eichbaum noch seine bekannte Marke Karamalz samt Produktion an Veltins verkauft.14
Bei Eichbaum verlieren rund 240 Beschäftigte ihren Job.
Im Juli 2026 scheiterte die Rettung endgültig: Es fand sich keine tragfähige Investorenlösung, alle rund 240 Mitarbeiter am Standort erhielten betriebsbedingte Kündigungen. Der Betrieb wird geordnet heruntergefahren, sämtliche Vermögenswerte inklusive des Betriebsgrundstücks stehen zum Verkauf.15
Die Schussenrieder Brauerei Ott stellte im Juni 2026 einen Insolvenzantrag.
Der Familienbetrieb aus Bad Schussenried in Oberschwaben ist seit rund 120 Jahren in vierter Generation in Familienhand, produziert jährlich rund 6 Millionen Liter Bier plus etwa 3 Millionen Liter alkoholfreie Getränke und beschäftigt rund 40 Mitarbeiter.16
Für Ott sucht der Insolvenzverwalter jetzt einen Investor.
Die Gehälter der rund 40 Beschäftigten sind über das Insolvenzgeld zunächst bis August gesichert, der Braubetrieb läuft weiter. Die Brauerei beliefert Kunden von Oberschwaben über den Bodenseeraum und das Allgäu bis in den Großraum Stuttgart.17
Die Aktienbrauerei Kaufbeuren braut seit 1308, jetzt ist sie insolvent.
Der Allgäuer Betrieb mit 84 Mitarbeitern leitete im Juni 2026 ein Sanierungsverfahren in vorläufiger Eigenverwaltung ein, die Investorensuche läuft. Seit 2013 gehörte die Brauerei dem britischen Unternehmen Rokit Drinks, Berichte über wirtschaftliche Probleme gab es schon seit Jahren.18
Hofbrauhaus Wolters verlor fast ein Drittel seines Ausstoßes, dann kam die Insolvenz.
Die 1627 gegründete Braunschweiger Brauerei beantragte am 19. Juni 2026 ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. 1995 produzierte Wolters noch 570.000 Hektoliter, zuletzt lag der Ausstoß Schätzungen zufolge unter 400.000 Hektolitern. Als Gründe nennt das Unternehmen anhaltende Absatzschwäche und deutlich gestiegene Kosten.19
Die Wolters-Insolvenz riss die Colbitzer Heide-Brauerei gleich mit.
Die traditionsreiche Brauerei aus Sachsen-Anhalt gehört zum Braunschweiger Hofbrauhaus und rutschte Anfang Juli 2026 ebenfalls in die Insolvenz, das Amtsgericht Braunschweig eröffnete das Verfahren. Der Betrieb soll zunächst wie gewohnt weiterlaufen, die Löhne sind vorläufig gesichert.20
Aus einer Schlagzeile werden oft mehrere Verfahren.
In unseren Daten zerfällt eine Brauereigruppen-Insolvenz mit Verzögerung in einzelne Einträge je Gesellschaft und Amtsgericht, wie bei Wolters und seiner Tochter Colbitzer. Genau diese Fälle macht die Insolvenzkarte sichtbar, bevor sie überregional Schlagzeilen machen.21
4. Kosten: Energie, Malz und Glas
Brauen ist energieintensiv: Sudhaus, Kühlung und Flaschenreinigung laufen rund um die Uhr. Genau deshalb traf die Kostenexplosion seit 2022 die Branche mit voller Wucht.
Glasflaschen wurden seit Anfang 2022 bis zu 140 Prozent teurer, Braumalz bis zu 150 Prozent.
Gleichzeitig konnten die Brauereien ihre Bierpreise von April 2022 bis Juni 2023 nur um 7,3 Prozent anheben, während sich Lebensmittel und Getränke insgesamt um 12,9 Prozent verteuerten. Die Differenz ging direkt zulasten der Marge.22
Die Energiekosten stiegen zeitweise um bis zu 250 Prozent, Gas um 430 Prozent.
Auch Europaletten verteuerten sich um rund 150 Prozent, dazu kamen steigende Preise für Kronkorken, Etiketten und Bierdeckel. Der Branchenverband warnte bereits 2022 vor Preissteigerungen von bis zu 30 Prozent für die Verbraucher.23
Lang-Bräu schloss nach mehr als 170 Jahren zum 31. Mai 2025.
Die oberfränkische Brauerei aus Schönbrunn im Landkreis Wunsiedel stellte den Betrieb ein, ausdrücklich ohne Insolvenz und ohne Schulden. Die Inhaber nannten steigende Energie-, Rohstoff- und Personalkosten sowie ruinösen Preisdruck durch größere Wettbewerber als Gründe.24
12 Millionen Euro hätte allein die Modernisierung von Lang-Bräu gekostet.
So viel wäre für die Erneuerung von Gebäuden und Brauereitechnik nötig gewesen. Eine Summe dieser Größenordnung sei unter den gegebenen Rahmenbedingungen langfristig und seriös nicht zu stemmen, erklärten die Inhaber zur Schließung.25
Selbst gesunde Brauereien müssen Millionen investieren.
Das Riedenburger Brauhaus etwa steckte mehr als eine Million Euro in die Dekarbonisierung seiner Produktion. Wer solche Investitionen in Technik und Klimaauflagen nicht finanzieren kann, dem bleibt oft nur der Verkauf, die Schließung oder am Ende die Insolvenz.26
5. Craft-Beer-Krise und der Lichtblick Alkoholfrei
Auch das einstige Trendsegment Craft Beer bleibt von der Krise nicht verschont. Wachstum gibt es fast nur noch dort, wo kein Alkohol drin ist.
Die Craft-Beer-Krise erreichte Hamburg: Landgang stellte im März 2026 Insolvenzantrag.
Die Brauerei aus Hamburg-Bahrenfeld beschäftigt rund 60 Menschen, darunter 48 Minijobber. Erst im Juli 2025 hatte Landgang die Kieler Craft-Brauerei Lille selbst aus der Insolvenz übernommen, nun sucht der vorläufige Insolvenzverwalter für beide Standorte eine Lösung.27
Jeden Tag kommen neue Fälle hinzu.
Auf der Insolvenzkarte sehen wir die Eröffnungen nahezu in Echtzeit, von der Landbrauerei bis zum Craft-Beer-Start-up. Oft hängen daran auch Brauereigasthöfe und Schankbetriebe, deren Schicksal eng mit der Gastronomie-Krise verbunden ist.28
Alkoholfreies Bier ist der einzige Wachstumsmarkt: 616 Millionen Liter in 2025.
Die Produktion stieg gegenüber dem Vorjahr um 6,5 Prozent, der Warenwert lag bei rund 696 Millionen Euro. Kamen 2024 noch 12,5 Liter alkoholhaltiges Bier auf einen Liter Alkoholfreies, waren es 2025 nur noch 11,1 Liter.29
Für Anfang 2026 erwartet das IWH weiterhin sehr hohe Insolvenzzahlen.
Die Frühindikatoren des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle sind in den vergangenen Monaten kontinuierlich gestiegen. Für konsumnahe Branchen wie die Brauwirtschaft ist damit keine Entspannung in Sicht, solange Absatz und Margen weiter unter Druck stehen.30
Die nächsten Fälle stehen schon in den Bekanntmachungen.
Viele Brauereien versuchen die Sanierung in Eigenverwaltung, werden verkauft oder verschwinden nach Jahrhunderten vom Markt. Solange Konsum und Kosten sich nicht drehen, dürften weitere Namen folgen. Wer wissen will, welche Standorte gerade betroffen sind, sieht das auf der Insolvenzkarte oft Tage vor den Schlagzeilen.31