Lange prägten Insolvenzen vor allem Gastronomie, Handel und Bau. Inzwischen verschiebt sich das Bild zur Industrie, und dort gerät der Maschinen- und Anlagenbau, das eigentliche Rückgrat der deutschen Exportwirtschaft, immer stärker unter Druck. Die folgenden über 30 Zahlen ordnen ein, wie groß das Problem wirklich ist.
1. Insolvenzen auf Rekordniveau
23.900 Firmen meldeten 2025 in Deutschland Insolvenz an.
Das waren 8,3 Prozent mehr als im Vorjahr und der höchste Stand seit mehr als zehn Jahren. Besonders kräftig legten die Insolvenzen im Verarbeitenden Gewerbe zu, also genau dort, wo der Maschinenbau zu Hause ist.1
Im Verarbeitenden Gewerbe stiegen die Pleiten 2025 um 10,3 Prozent.
Damit gehört die Industrie zu den am stärksten betroffenen Wirtschaftsbereichen, gleichauf mit dem Handel (plus 10,4 Prozent) und deutlich vor dem Baugewerbe (plus 4,7 Prozent).2
Metallwarenhersteller führten 2025 erstmals das Insolvenzranking an.
Mit 65 Fällen verdrängten sie sogar die Automobilzulieferer (59 Fälle) von der Spitze. Dahinter folgten Elektrotechnik (53) und Innenausbau (42). Metall und Maschinenbau bilden so den neuen Schwerpunkt des Insolvenzgeschehens.3
In unserer Datenbank wird der Trend täglich sichtbar.
Bei InsolvenzTracker registrieren wir jede neue Insolvenzeröffnung aus dem amtlichen Justizportal, oft Wochen bevor die offizielle Statistik erscheint. Der Maschinen- und Anlagenbau ist dabei klar überdurchschnittlich vertreten.4
Rund 285.000 Beschäftigte waren 2025 von Insolvenzen betroffen.
Die geschätzte Schadenssumme für Gläubiger lag bei etwa 57 Milliarden Euro, im Schnitt also über 2 Millionen Euro je Fall. Hinter jeder Zahl stehen Lieferanten, Banken und Mitarbeiter, die auf ihren Außenständen sitzen bleiben.5
Die Firmenpleiten erreichten 2025 den höchsten Stand seit 20 Jahren.
Der IWH-Insolvenztrend des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle zählte 17.604 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften, den höchsten Wert seit 2005 und rund 5 Prozent über dem Krisenjahr 2009.6
Wir zählen ausschließlich echte Firmeninsolvenzen.
Für diese Auswertung filtern wir auf eröffnete Unternehmensinsolvenzen und blenden Privatinsolvenzen, Einzelunternehmer und Nachlassverfahren aus. Jeder Fall ist um Branche, Rechtsform, Standort und zuständiges Amtsgericht angereichert, so lässt sich der Maschinenbau sauber isolieren.7
Das Verarbeitende Gewerbe trug 2025 den größten Jobverlust.
Von rund 170.000 insolvenzbedingt betroffenen Arbeitsplätzen entfielen laut IWH Halle etwa 62.000 auf die Industrie. Große Industrieinsolvenzen bringen also jeweils ungleich mehr Schaden mit sich als kleine Dienstleisterpleiten.8
Jeden Tag kommen neue Fälle hinzu.
Auf der Insolvenzkarte sehen wir die Eröffnungen nahezu in Echtzeit. Gerade aus dem Maschinenbau, der Metallverarbeitung und dem Anlagenbau ist kaum eine Woche ohne neue Einträge zur Normalität geworden.9
2. Warum es den Maschinenbau besonders trifft
Der Maschinen- und Anlagenbau ist exportabhängig und kapitalintensiv. Genau diese Stärken werden in der aktuellen Lage zur Schwachstelle.
2025 sank die Produktion im Maschinenbau um 5 Prozent.
Der VDMA musste seine Prognose im Jahresverlauf von minus 2 auf minus 5 Prozent senken. Es war bereits das dritte Jahr in Folge mit rückläufiger Produktion.10
Im dritten Quartal 2025 lagen die Aufträge 6 Prozent unter Vorjahr.
Die Inlandsnachfrage fiel um 3 Prozent, das Auslandsgeschäft sogar um 7 Prozent. Aus Ländern außerhalb des Euroraums brachen die Bestellungen um 9 Prozent ein.11
In unseren Daten zerfallen Konzernschlagzeilen in einzelne Standortpleiten.
Was als Konzern- oder Ketten-Schlagzeile beginnt, taucht mit Verzögerung als einzelne Insolvenz eines Werks, eines Tochterbetriebs oder eines abhängigen Zulieferers in den amtlichen Bekanntmachungen auf. Genau diese Fälle macht die Insolvenzkarte sichtbar.12
Die Kapazitäten waren 2025 nur zu 78,5 Prozent ausgelastet.
Laut ifo Institut lag die Auslastung im Maschinenbau damit rund 6,8 Prozentpunkte unter dem langjährigen Durchschnitt. Bei kapitalintensiven Werken zehren leerstehende Hallen schnell an der Substanz.13
Ein Viertel der Maschinenbauer plante Kurzarbeit.
Laut ifo Institut wollten Anfang 2025 rund 25 Prozent der Unternehmen im Maschinenbau Kurzarbeit einsetzen. In der Metallerzeugung und -bearbeitung war es mit 40 Prozent sogar der Spitzenwert der Industrie.14
Das vierte Quartal 2025 war voraussichtlich das zwölfte Minusquartal in Folge.
Seit Anfang 2023 schrumpft die Produktion im Maschinen- und Anlagenbau praktisch ununterbrochen. Ein so langer Abschwung in Folge ist für die Branche historisch ungewöhnlich.15
Die Insolvenzen ballen sich regional in den Industrieregionen.
In unseren Daten konzentrieren sich die Maschinenbau-Insolvenzen auf Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen. Besonders ländliche Standorte trifft der Wegfall eines großen Betriebs hart, weil die wirtschaftliche Alternative vor Ort fehlt. Die regionale Verteilung lässt sich live in unseren Statistiken nachvollziehen.16
3. Arbeitsplätze: Der Abbau läuft
Rund 952.000 Menschen arbeiteten Ende 2024 im Maschinen- und Anlagenbau.
Damit ist die Branche einer der größten industriellen Arbeitgeber Deutschlands und gehört neben Fahrzeugbau, Chemie und Elektroindustrie zu den vier größten Zweigen des Verarbeitenden Gewerbes.17
Allein 2025 fielen im Maschinenbau rund 22.000 Stellen weg.
Der Rückgang um 2,2 Prozent drückte die Beschäftigtenzahl in Betrieben mit mehr als 50 Mitarbeitern auf knapp über eine Million. In der gesamten Metall- und Elektroindustrie gingen sogar etwa 60.000 Stellen verloren.18
Branchenvertreter sprechen nicht mehr von einem konjunkturellen Auf und Ab.
Der Stellenabbau habe strukturellen Charakter, heißt es aus der Branche. Auch für 2026 rechnen die Verbände bestenfalls mit einer Seitwärtsbewegung bei der Beschäftigung.19
Bis 2034 droht eine Netto-Lücke von 178.000 Fachkräften.
Bis dahin gehen laut einer IW-Köln-Studie rund 296.000 Beschäftigte in Rente, denen nur etwa 118.000 Neuzugänge gegenüberstehen. Der demografische Schwund wirkt parallel zum konjunkturellen Abschwung.20
Die Industriejobs gerieten 2025 quer durch die Metallbranche unter Druck.
Anhaltende Konjunkturflaute und internationaler Wettbewerbsdruck zwangen die Unternehmen zum Personalabbau. Der Maschinenbau war dabei einer der größten Verlierer unter den Industriezweigen.21
4. Pleiten bei den großen Namen
Die Krise trifft längst nicht nur kleine Werkstätten. Auch Traditionsunternehmen mit klangvollen Namen mussten 2025 Insolvenz anmelden.
Manroland Sheetfed meldete mit 748 Jobs Insolvenz an.
Der Offenbacher Hersteller von Bogenoffsetdruckmaschinen ging in die Eigenverwaltung. Im betroffenen Geschäftsjahr fuhr das Unternehmen einen Verlust von 43,2 Millionen Euro ein.22
Bei Manroland fielen mindestens 660 Arbeitsplätze weg.
Nach erfolgloser Investorensuche schloss der Insolvenzverwalter das Werk. Als Gründe nannte er Überkapazitäten im Druckmaschinenmarkt, sinkende Druckvolumina und den Einbruch des China-Geschäfts.23
Bei ZI Aluminium-Druckguss verloren 52 Mitarbeiter ihren Job.
Nach dem Insolvenzantrag im Februar scheiterte der Investorenprozess, sodass der Standort in Bad Bergzabern zum Jahresende geschlossen wurde. Solche Zulieferbetriebe trifft der Nachfragerückgang aus Auto- und Maschinenbau besonders hart.24
Im vierten Quartal 2024 meldeten 12 Maschinenbauer und 24 Metallwarenhersteller Insolvenz an.
Die Großinsolvenzen in Maschinenbau und Metallwaren stiegen 2024 um rund ein Drittel auf 32 Fälle. Für 2025 erwarteten Analysten einen weiteren Anstieg um etwa 20 Prozent.25
Die Branchenkrise gilt als schwerste seit über einem Jahrzehnt.
Fachmedien sprechen für den Zeitraum 2025 bis Anfang 2026 von einer der schwersten Krisenphasen für Metallverarbeiter und Maschinenbauer seit mehr als zehn Jahren. Die Liste insolventer Traditionsbetriebe wird kontinuierlich länger.26
5. Die Ursachen der Krise
Der Branchenumsatz sank 2024 auf rund 254 Milliarden Euro.
Nach einem vorangegangenen Anstieg ging der Umsatz im deutschen Maschinen- und Anlagenbau wieder zurück. Sinkende Erlöse bei gleichzeitig hohen Fixkosten sind ein klassischer Insolvenztreiber.27
Die Maschinenexporte fielen 2025 auf 198,5 Milliarden Euro.
Das war ein Minus von 1,8 Prozent, preisbereinigt sogar 3,3 Prozent. Da der Maschinenbau zu den exportstärksten Branchen zählt, schlägt jede Schwäche auf den Weltmärkten unmittelbar durch.28
Die Ausfuhren in die USA brachen 2025 um 8 Prozent ein.
Auf knapp 25,2 Milliarden Euro sanken die Lieferungen in den wichtigsten Einzelmarkt, belastet vor allem durch neue US-Zölle. Auch das China-Geschäft schrumpfte um 8,2 Prozent.29
Für das erste Quartal 2026 erwartet das IWH weiterhin sehr hohe Insolvenzzahlen.
Die Frühindikatoren sind in den vergangenen Monaten kontinuierlich gestiegen. Für die exportabhängige Industrie ist damit noch keine Entspannung in Sicht, der Druck auf den Maschinenbau dürfte anhalten.30
Die nächsten Fälle stehen schon in den Bekanntmachungen.
Viele Maschinenbauer gehen über die Eigenverwaltung in die Sanierung, werden verkleinert, verkauft oder zerschlagen. Solange Aufträge und Margen unter Druck bleiben, dürften weitere Insolvenzen folgen. Wer wissen will, welche Standorte gerade betroffen sind, sieht das auf der Insolvenzkarte oft Tage vor den Schlagzeilen.31