Jahrzehntelang war der Einzelhandel das pulsierende Herz jeder Innenstadt. Inzwischen prägen Leerstand, Filialschließungen und Insolvenzanträge das Bild, besonders bei kleinen, inhabergeführten Geschäften. Die folgenden über 30 Zahlen ordnen ein, wie groß das Problem wirklich ist.
1. Pleiten auf Mehrjahreshoch
Rund 2.440 Einzelhandelsbetriebe meldeten 2025 Insolvenz an.
Das waren etwa 9 Prozent mehr als im Vorjahr. Schon 2024 war die Zahl der Handelsinsolvenzen um fast 20 Prozent gestiegen, der Trend setzt sich also ungebremst fort.1
24.064 Unternehmensinsolvenzen gab es 2025 bundesweit.
Das waren 10,3 Prozent mehr als im Vorjahr und der höchste Wert seit 2014, als 24.085 Fälle gezählt wurden. Der Handel zählt dabei durchgehend zu den am stärksten betroffenen Wirtschaftsbereichen.2
Im Handel stiegen die Insolvenzen 2025 um 10,4 Prozent.
Nach der Auswertung von Creditreform legte der Handel damit überdurchschnittlich zu. Insgesamt mussten rund 23.900 Firmen Insolvenz anmelden, ein Plus von 8,3 Prozent und der höchste Stand seit über zehn Jahren.3
In unserer Datenbank wird der Trend täglich sichtbar.
Bei InsolvenzTracker registrieren wir jede neue Insolvenzeröffnung aus dem amtlichen Justizportal, oft Wochen bevor die offizielle Statistik erscheint. Der Einzelhandel ist dabei klar überdurchschnittlich vertreten.4
Rund 47,9 Milliarden Euro Forderungen blieben offen.
So hoch schätzt das Statistische Bundesamt die Gläubigerforderungen aus den 2025 gemeldeten Unternehmensinsolvenzen. Hinter jeder Handelspleite stehen Lieferanten, Vermieter und Beschäftigte, die auf einem Teil ihrer Außenstände sitzen bleiben.5
285.000 Arbeitnehmer waren 2025 von Insolvenzen betroffen.
Nach Auswertung von Creditreform meldeten 2025 rund 23.900 Firmen Insolvenz an. Geschätzt 285.000 Beschäftigte waren davon betroffen, 13 Prozent der amtlich erfassten Betroffenen entfielen auf den Handel.6
Wir zählen ausschließlich echte Firmeninsolvenzen.
Für diese Auswertung filtern wir auf eröffnete Unternehmensinsolvenzen und blenden Privatinsolvenzen, Einzelunternehmer und Nachlassverfahren aus. Jeder Fall ist um Branche, Rechtsform, Standort und zuständiges Amtsgericht angereichert, so lässt sich der Handel sauber isolieren.7
Die Firmenpleiten erreichten den höchsten Stand seit über 20 Jahren.
Der IWH-Insolvenztrend des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle zählte 2025 rund 17.604 insolvente Personen- und Kapitalgesellschaften, den höchsten Wert seit 2005 und mehr als nach der Finanzkrise 2009.8
Jeden Tag kommen neue Fälle hinzu.
Auf der Insolvenzkarte sehen wir die Eröffnungen nahezu in Echtzeit. Gerade aus dem Einzelhandel ist kaum eine Woche ohne neue Einträge zur Normalität geworden.9
2. Warum es den Handel besonders trifft
Insolvenzen prägten lange vor allem Bau und Gastronomie. Doch der Handel steht inzwischen ganz oben auf der Liste der betroffenen Sektoren.
Der Handel ist einer der drei insolvenzträchtigsten Sektoren.
Laut Statistischem Bundesamt entfielen 2025 die meisten Insolvenzanträge erneut auf das Baugewerbe, den Handel sowie die freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen.10
Im Textil- und Bekleidungshandel war 2025 ein Zehn-Jahres-Hoch.
Die Insolvenzen im Bekleidungs- und Textileinzelhandel kletterten 2025 auf den höchsten Stand seit zehn Jahren. Keine andere Handelssparte stand zuletzt so stark unter Druck.11
Buchhandel, Bäckereien und Textil traf es überdurchschnittlich hart.
Eine Studie von Creditreform und dem Handelsblatt Research Institute nennt den Buchhandel, das Bäckerei- und Konditoreigewerbe sowie den Textileinzelhandel als die am stärksten betroffenen Teilbranchen des Handels.12
Zwei Handelsinsolvenzen im April trafen rund 6.000 Jobs.
Allein zwei Großinsolvenzen aus dem Handel betrafen im April 2025 nach IWH-Angaben zusammen etwa 6.000 Arbeitsplätze. Große Handelspleiten bringen jeweils ungleich mehr Schaden mit sich als kleine Ladenschließungen.13
Die Pleite der Schlau-Gruppe prägte den September.
Der vergleichsweise hohe Wert an betroffenen Beschäftigten im September 2025 ging laut IWH wesentlich auf die Großinsolvenz der Schlau-Gruppe zurück, zu der die Hammer Fachmärkte gehören.14
Die Stimmung im Handel blieb 2025 auf niedrigem Niveau.
Das ifo Geschäftsklima im Einzelhandel erholte sich zwar zwischenzeitlich, lag zum Jahresende aber weiter sehr niedrig und schlechter als in den Vorjahren. Von Aufschwung war keine Rede.15
3. Das stille Ladensterben
4.500 Ladenschließungen erwartete der HDE für 2025.
Der Handelsverband Deutschland rechnete für 2025 mit rund 4.500 Geschäftsaufgaben. Im Jahr zuvor hatten bereits etwa 5.000 Läden geschlossen, der Verband sprach von einer sich dramatisch verschärfenden Lage.16
Die Insolvenzen ballen sich in den Innenstädten.
In unseren Daten konzentrieren sich die Handelspleiten dort, wo der stationäre Handel früher die Lauflagen prägte, in den Fußgängerzonen der Groß- und Mittelstädte. Wo ein Geschäft schließt, fehlt oft die wirtschaftliche Alternative am selben Standort. Die regionale Verteilung lässt sich live in unseren Statistiken nachvollziehen.17
Die Zahl der Geschäfte sank seit 2015 von 370.000 auf rund 300.000.
Binnen eines Jahrzehnts ist damit fast jedes fünfte Ladengeschäft verschwunden. Vor allem inhabergeführte Geschäfte in den Innenstädten geben auf.18
Die Zahl der Einzelhandelsbetriebe sank seit 2010 um rund 16 Prozent.
Auf nur noch 316.310 Betriebe. Während kleine Läden verschwinden, wächst die Konzentration: Die Zahl der großen Händler mit über 25 Millionen Euro Umsatz hat sich im selben Zeitraum verdoppelt.19
Bei den kleinsten Läden brach der Bestand um 28 Prozent ein.
Die Zahl der Betriebe mit weniger als 250.000 Euro Jahresumsatz fiel von 236.143 (2010) auf 170.770 (2025). Genau dieses Segment, das kleine Fachgeschäft, trägt die Vielfalt der Innenstädte und schrumpft am schnellsten.20
Über 3,15 Millionen Menschen arbeiten im Einzelhandel.
Damit ist die Branche einer der größten Arbeitgeber Deutschlands. Rund 62 Prozent der Beschäftigten arbeiten in Teilzeit oder geringfügig, jede Pleite trifft also viele Existenzen auf einmal.21
4. Die großen Namen straucheln
Die Krise trifft längst nicht nur kleine Fachgeschäfte. Auch bekannte Ketten und Warenhäuser sind ins Straucheln geraten.
Esprit schloss alle 56 Filialen in Deutschland.
Nach dem Insolvenzverfahren zog sich die Modekette komplett aus dem deutschen Markt zurück. Rund 1.300 Mitarbeiter verloren dabei ihren Arbeitsplatz.22
Galeria schrumpfte von über 170 auf unter 90 Häuser.
Nach drei Insolvenzen in wenigen Jahren halbierte sich das Filialnetz der Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof nahezu. Allein zuletzt fielen neben rund 4.000 Stellen weitere etwa 300 Jobs in der Zentrale weg.23
Gerry Weber schloss 122 Filialen im Sanierungsverfahren.
Im Zuge der Restrukturierung 2023 baute der Modekonzern 122 Geschäfte ab und entließ rund 425 Mitarbeiter. Es war bereits die zweite Insolvenz des Unternehmens binnen weniger Jahre.24
In unseren Daten zerfallen diese Schlagzeilen in einzelne Standortpleiten.
Was als Konzern- oder Ketten-Schlagzeile beginnt, taucht mit Verzögerung als einzelne Standortpleite, als Tochtergesellschaft oder als abhängiger Lieferant in den amtlichen Bekanntmachungen auf. Genau diese Fälle macht die Insolvenzkarte sichtbar.25
5. Die Ursachen der Krise
Der Onlineanteil im Bekleidungshandel stieg auf 28,3 Prozent.
2019 lag er noch bei 21,4 Prozent. Jeder Euro, der online ausgegeben wird, fehlt zunehmend im stationären Geschäft, das weiter Miete, Personal und Energie bezahlen muss.26
Der deutsche E-Commerce setzte 2024 rund 80,6 Milliarden Euro um.
Nach 79,7 Milliarden Euro im Jahr zuvor, ein Plus von 1,1 Prozent. Der Onlinehandel wächst wieder, und ein wachsender Teil davon läuft über große Plattformen statt über lokale Händler.27
Real legte der Einzelhandelsumsatz 2025 nur um 2,7 Prozent zu.
Preisbereinigt erholte sich der Umsatz also nur langsam von den Inflationsjahren, im zweiten Halbjahr 2025 schwächte sich das Wachstum auf 1,7 Prozent ab. Für viele kleine Händler reicht das nicht, um Kostensteigerungen aufzufangen.28
Bei Lebensmitteln stieg der Umsatz real nur um 1,1 Prozent.
Nominal lag das Plus 2025 bei 3,4 Prozent, die Differenz frisst die Inflation. Höhere Einkaufs-, Energie- und Personalkosten lassen sich kaum noch an die Kundschaft weitergeben.29
Über 81 Prozent der Pleiten trafen Kleinstbetriebe.
Rund 19.500 der 2025 von Creditreform erfassten Insolvenzen entfielen auf Firmen mit höchstens zehn Beschäftigten. Genau dieses Profil, der kleine inhabergeführte Laden, prägt den deutschen Einzelhandel.30
Die nächsten Fälle stehen schon in den Bekanntmachungen.
Solange Konsumlaune, Mieten und Onlinekonkurrenz auf die Margen drücken, dürften weitere Handelsinsolvenzen folgen. Wer wissen will, welche Geschäfte gerade betroffen sind, sieht das auf der Insolvenzkarte oft Tage vor den Schlagzeilen.31