Jahrzehntelang galt der Bau als Konjunkturmotor. Inzwischen häufen sich Auftragsmangel, Kurzarbeit, Stellenabbau und Insolvenzanträge. Besonders der mittelständische Wohnungsbau, das Rückgrat vieler regionaler Betriebe, steht unter Druck. Die folgenden über 30 Zahlen ordnen ein, wie groß das Problem wirklich ist.
1. Insolvenzen auf Rekordniveau
24.064 Unternehmensinsolvenzen gab es 2025 in Deutschland.
Das waren 10,3 Prozent mehr als im Vorjahr und der höchste Wert seit 2014, als 24.085 Fälle gezählt wurden. Nach den kräftigen Anstiegen 2023 und 2024 ist die Talsohle der Niedrigzins-Jahre damit endgültig durchschritten.1
Das Baugewerbe kam 2025 auf 104 Insolvenzen je 10.000 Unternehmen.
Damit lag die Branche klar über dem gesamtwirtschaftlichen Schnitt von 69 Fällen je 10.000 Unternehmen und rangierte unter den am stärksten betroffenen Wirtschaftsabschnitten, hinter Verkehr und Lagerei (133) und dem Gastgewerbe (108).2
Rund 47,9 Milliarden Euro Forderungen blieben 2025 offen.
So hoch schätzt das Statistische Bundesamt die Gläubigerforderungen aus allen 2025 gemeldeten Unternehmensinsolvenzen. Hinter jeder Bauinsolvenz stehen Subunternehmer, Lieferanten, Banken und Bauherren, die auf einem Teil ihrer Außenstände sitzen bleiben.3
In unserer Datenbank wird der Trend täglich sichtbar.
Bei InsolvenzTracker registrieren wir jede neue Insolvenzeröffnung aus dem amtlichen Justizportal, oft Wochen bevor die offizielle Statistik erscheint. Bauwirtschaft und Baugewerbe sind dabei klar überdurchschnittlich vertreten.4
Im ersten Halbjahr 2025 meldeten 11.900 Firmen Insolvenz an.
Nach Auswertung von Creditreform war das ein Plus von 9,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Im Bau fiel der Zuwachs mit plus 1,7 Prozent vergleichsweise moderat aus, allerdings auf einem bereits hohen Niveau aus den Krisenjahren zuvor.5
Im Baugewerbe wurden die höchsten Insolvenzzahlen seit Beginn der Erhebung gemessen.
Der IWH-Insolvenztrend des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle registrierte für das Baugewerbe im Frühjahr 2025 die höchsten Werte seit Start der monatlichen Datenerhebung im Jahr 2020.6
Wir zählen ausschließlich echte Firmeninsolvenzen.
Für diese Auswertung filtern wir auf eröffnete Unternehmensinsolvenzen und blenden Privatinsolvenzen, Einzelunternehmer und Nachlassverfahren aus. Jeder Fall ist um Branche, Rechtsform, Standort und zuständiges Amtsgericht angereichert, so lässt sich die Bauwirtschaft sauber isolieren.7
Die Firmenpleiten erreichten den höchsten Stand seit über zwei Jahrzehnten.
Laut IWH Halle lagen die Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften 2025 mit rund 17.600 Fällen auf dem höchsten Niveau seit 2005. Selbst während der Finanzkrise 2009 war der Wert um etwa 5 Prozent niedriger.8
Jeden Tag kommen neue Fälle hinzu.
Auf der Insolvenzkarte sehen wir die Eröffnungen nahezu in Echtzeit. Gerade aus dem Hoch- und Tiefbau sowie aus dem Ausbaugewerbe ist kaum eine Woche ohne neue Einträge zur Normalität geworden.9
2. Warum es die Bauwirtschaft besonders trifft
Insolvenzen prägten lange vor allem Gastronomie und Handel. Inzwischen verschiebt sich das Bild, und der Bau steht dabei dauerhaft im Zentrum der Negativstatistik.
Schon 2024 lag das Baugewerbe bei 95,3 Insolvenzen je 10.000 Unternehmen.
Damit war die Branche bereits im Vorjahr die am zweitstärksten betroffene überhaupt, nur knapp hinter Verkehr und Lagerei. Der gesamtwirtschaftliche Schnitt lag 2024 bei 63,5 Fällen je 10.000 Unternehmen.10
Im Bauhauptgewerbe meldeten 2023 bereits 1.409 Unternehmen Insolvenz an.
Das waren knapp 300 Fälle mehr als im Jahr zuvor. Die Pleitewelle im Bau begann also nicht erst 2024, sondern baute sich über mehrere Jahre auf, parallel zum Zinsschock und zum Einbruch der Nachfrage.11
Im ersten Halbjahr 2024 schnellten die Bauinsolvenzen um 27,5 Prozent nach oben.
Nach Creditreform-Zahlen war das einer der stärksten Anstiege aller Branchen in dieser Phase, klar getrieben von der Baukrise. Erst danach flachte das Tempo ab, weil viele angeschlagene Betriebe bereits aus dem Markt ausgeschieden waren.12
Die Insolvenzen ballen sich regional.
In unseren Daten verteilen sich die Bauinsolvenzen ungleich über die Bundesländer und Amtsgerichte. Wo ein größerer Bauträger oder Generalunternehmer wegfällt, reißt das oft eine ganze Kette von Subunternehmern mit. Die regionale Verteilung lässt sich live in unseren Statistiken nachvollziehen.13
Rund 1.600 Insolvenzen erwartete die Bauindustrie für 2024.
Vom dramatischen Niveau der Jahrtausendwende mit etwa 5.000 Pleiten pro Jahr ist die Branche zwar weit entfernt. Doch die schwache Nachfrage schlägt sich seit 2023 deutlich in wieder steigenden Insolvenzzahlen nieder.14
3. Der Wohnungsbau bricht ein
Das Herz der Baukrise schlägt im Wohnungsbau. Hier treffen hohe Zinsen, gestiegene Baukosten und eine schwache Nachfrage besonders hart aufeinander.
2025 wurden 18,0 Prozent weniger Wohnungen fertiggestellt.
Nur noch rund 206.600 Wohnungen wurden 2025 fertig, das sind 45.400 weniger als 2024. Niedriger lag die Zahl zuletzt 2012. Weniger Fertigstellungen bedeuten weniger Aufträge für die gesamte Bauwertschöpfungskette.15
Bereits 2024 sank die Zahl fertiggestellter Wohnungen um 14,4 Prozent.
Auf rund 251.900 Wohnungen ging es im zweiten Jahr in Folge deutlich bergab, nachdem die Zahl von 2021 bis 2023 noch bei etwa 294.000 gelegen hatte. Der Wohnungsbau befindet sich damit in einer mehrjährigen Talfahrt.16
2024 wurden 16,8 Prozent weniger Wohnungen genehmigt.
Nur noch für 215.900 Wohnungen wurde 2024 eine Baugenehmigung erteilt, 43.700 weniger als im Vorjahr und der niedrigste Wert seit 2010. Genehmigungen sind der Frühindikator schlechthin: Was heute nicht genehmigt wird, fehlt morgen als Auftrag.17
Im Wohnungsbau ging der Umsatz 2025 real um rund 1,5 Prozent zurück.
Während die gesamte Bauwirtschaft 2025 erstmals seit fünf Jahren wieder ein leichtes reales Umsatzplus verbuchte, setzte sich die Talfahrt im Wohnungsbau fort. Das reale Bauvolumen schrumpfte 2025 das fünfte Jahr in Folge.18
In Baden-Württemberg war das Baugewerbe 2025 die Branche mit den meisten Insolvenzen.
Auf das Baugewerbe entfielen im Südwesten 459 Insolvenzanträge, ein Plus von 4,6 Prozent und damit mehr als auf jede andere Branche, noch vor dem Handel mit 384 Anträgen. Das Muster zieht sich durch viele Bundesländer.19
Was als Schlagzeile beginnt, taucht als einzelne Standortpleite auf.
Was zunächst als Konzern- oder Bauträger-Schlagzeile durch die Presse geht, erscheint mit Verzögerung als einzelne Insolvenz einer Projektgesellschaft, eines Tochterbetriebs oder eines abhängigen Subunternehmers in den amtlichen Bekanntmachungen. Genau diese Fälle macht die Insolvenzkarte sichtbar.20
Jeder vierte Bauunternehmer klagte über zu wenig Aufträge.
24 Prozent der Betriebe bezeichneten ihr Auftragsvolumen als nicht ausreichend, im Hochbau sogar 34 Prozent. Fehlende Aufträge bei gleichzeitig hohen Fixkosten sind ein klassischer Insolvenztreiber.21
Im Wohnungsbau berichteten zeitweise 11 Prozent der Firmen von stornierten Projekten.
Die Stornoquote im Wohnungsbau kletterte laut ifo Institut 2025 zeitweise von 8 auf 11 Prozent. Gleichzeitig meldete fast jeder zweite Betrieb Auftragsmangel, ein Wert nahe den Höchstständen der Krise.22
4. Beschäftigung und Arbeitsplätze
916.300 Menschen arbeiteten 2024 im Bauhauptgewerbe.
Die Zahl sank von 928.000 auf 916.300, der erste Beschäftigungsrückgang seit 2009. Nach über einem Jahrzehnt des Aufbaus markiert das eine deutliche Trendwende am Bau.23
Erstmals seit 15 Jahren bauten die Baubetriebe Stellen ab.
Der Stellenabbau 2024 war für die Branche ein Einschnitt. Nach Jahren, in denen Betriebe vor allem über Fachkräftemangel klagten, kippte die Lage im Zuge des Nachfrageeinbruchs.24
Rund 10.000 Stellen sollten im Bau wegfallen.
Der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie rechnete mit dem Abbau von etwa 10.000 Arbeitsplätzen in den Folgemonaten. Für 2025 wurde ein weiterer Rückgang auf rund 905.000 Beschäftigte erwartet, ein Minus von etwa 7.000.25
Im Bauhauptgewerbe fielen 2025 rund 40,7 Millionen Stunden durch Kurzarbeit aus.
Von insgesamt 133 Millionen kurzarbeitsbedingt ausgefallenen Arbeitsstunden in Deutschland entfiel damit ein erheblicher Teil auf den Bau. Kurzarbeit ist häufig die letzte Stufe vor Stellenabbau und Insolvenz.26
5. Die Ursachen der Krise
Der Umsatz im Bauhauptgewerbe lag 2024 bei rund 160 Milliarden Euro.
Das entsprach einem realen Rückgang von etwa 4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Sinkende reale Erlöse bei gleichzeitig hohen Material- und Personalkosten zehren die Margen vieler Betriebe auf.27
Die Baupreise für neue Wohngebäude stiegen 2025 weiter um über 3 Prozent.
Im August 2025 lagen die Preise für den Neubau konventionell gefertigter Wohngebäude 3,1 Prozent über dem Vorjahr. Nach dem Rekordsprung von 2022 bleibt das Bauen damit dauerhaft teuer, was Projekte rechnerisch kippen lässt.28
2022 schossen die Baupreise um über 16 Prozent nach oben.
Für neue Wohngebäude betrug der Anstieg 16,3 Prozent, für Nichtwohngebäude 17,2 Prozent, der stärkste Baupreisanstieg seit 1970. Dieser Kostenschock wirkt bis heute nach und macht viele kalkulierte Projekte unrentabel.29
Für 2025 rechnete die Bauindustrie mit dem fünften realen Umsatzminus in Folge.
Der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie prognostizierte für 2025 einen realen Umsatzrückgang von rund 1,4 Prozent. Erst zum Jahresende zeichnete sich eine vorsichtige Stabilisierung ab, doch die Erholung steht auf wackeligem Fundament.30
Die nächsten Fälle stehen schon in den Bekanntmachungen.
Solange Zinsen, Baukosten und Auftragslage unter Druck bleiben, dürften weitere Bauinsolvenzen folgen. Viele Betriebe gehen über die Eigenverwaltung in die Sanierung, werden verkleinert oder zerschlagen. Wer wissen will, welche Standorte gerade betroffen sind, sieht das auf der Insolvenzkarte oft Tage vor den Schlagzeilen.31