Jahrzehntelang war die Autoindustrie die verlässlichste Säule der deutschen Wirtschaft. Inzwischen häufen sich Werksschließungen, Kurzarbeit, Stellenabbau und Insolvenzanträge. Besonders der mittelständische Zulieferbereich, das eigentliche Rückgrat der Branche, gerät unter die Räder. Die folgenden über 30 Zahlen ordnen ein, wie groß das Problem wirklich ist.
1. Insolvenzen auf Rekordniveau
24.064 Unternehmensinsolvenzen gab es 2025 in Deutschland.
Das waren 10,3 Prozent mehr als im Vorjahr und der höchste Wert seit 2014, als 24.085 Fälle gezählt wurden. Die Talsohle der Niedrigzins-Jahre ist damit endgültig durchschritten.1
Drei Jahre in Folge steigen die Firmenpleiten zweistellig.
Nach einem Plus von 22,1 Prozent (2023) und 22,4 Prozent (2024) folgte 2025 der nächste kräftige Anstieg. Ein so langer, ununterbrochener Aufwärtstrend ist seit der Finanzkrise nicht mehr aufgetreten.2
Rund 47,9 Milliarden Euro Forderungen blieben offen.
So hoch schätzt das Statistische Bundesamt die Gläubigerforderungen aus den 2025 gemeldeten Unternehmensinsolvenzen. Hinter jeder Insolvenz stehen Lieferanten, Banken und Beschäftigte, die auf einem Teil ihrer Außenstände sitzen bleiben.3
In unserer Datenbank wird der Trend täglich sichtbar.
Bei InsolvenzTracker registrieren wir jede neue Insolvenzeröffnung aus dem amtlichen Justizportal, oft Wochen bevor die offizielle Statistik erscheint. Der Fahrzeug- und Kfz-Bereich ist dabei klar überdurchschnittlich vertreten.4
285.000 Arbeitnehmer waren 2025 von Insolvenzen betroffen.
Nach Auswertung von Creditreform meldeten 2025 rund 23.900 Firmen Insolvenz an, ein Plus von 8,3 Prozent. Geschätzt 285.000 Beschäftigte waren davon betroffen.5
Die Firmenpleiten erreichten den höchsten Stand seit über 20 Jahren.
Der IWH-Insolvenztrend des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle maß im zweiten Quartal 2025 die höchsten Insolvenzzahlen seit 2005, sogar mehr als nach der Finanzkrise 2009.6
Jeden Tag kommen neue Fälle hinzu.
Auf der Insolvenzkarte sehen wir die Eröffnungen nahezu in Echtzeit. Gerade aus dem Fahrzeugbau und dem Kfz-Gewerbe ist kaum eine Woche ohne neue Einträge zur Normalität geworden.7
2. Warum es die Autobranche besonders trifft
Insolvenzen prägten lange vor allem Gastronomie, Handel und Bau. Inzwischen verschiebt sich das Bild zur Industrie, und dort steht der Fahrzeugbau im Zentrum.
Die Großinsolvenzen stiegen 2024 um 31 Prozent.
Bei Unternehmen mit mehr als 10 Millionen Euro Umsatz kletterte die Zahl von 279 auf 364 Fälle, ein neuer Rekord. Am stärksten betroffen waren Automobil, Maschinenbau und Immobilienwirtschaft.8
Bei Autozulieferern schnellten die Insolvenzen 2024 um 65 Prozent nach oben.
Die Zahl der Großinsolvenzen im Zulieferbereich stieg auf 56 Fälle. Kein anderer Industriezweig verzeichnete einen vergleichbaren Sprung in so kurzer Zeit.9
Wir zählen ausschließlich echte Firmeninsolvenzen.
Für diese Auswertung filtern wir auf eröffnete Unternehmensinsolvenzen und blenden Privatinsolvenzen, Einzelunternehmer und Nachlassverfahren aus. Jeder Fall ist um Branche, Rechtsform, Standort und zuständiges Amtsgericht angereichert, so lässt sich die Autobranche sauber isolieren.10
2025 erreichten die Insolvenzen ein 20-Jahres-Hoch.
Schon zur Jahresmitte lagen die Großinsolvenzen rund 21 Prozent über dem bisherigen Rekordjahr 2024. Die Autobranche zählt durchgehend zu den am stärksten betroffenen Sektoren.11
Nur noch jeder fünfte insolvente Zulieferer wird gerettet.
2020 konnten noch über 60 Prozent der betroffenen Großzulieferer durch Investoren oder Insolvenzpläne saniert werden. Bis 2025 fiel diese Quote auf 20,3 Prozent. Eine Insolvenz endet heute also viel häufiger in Zerschlagung als in Sanierung.12
Allein die größten Fälle kosteten im September rund 20.000 Jobs.
Im größten Zehntel der Insolvenzen waren laut IWH Halle im September 2025 etwa 20.000 Arbeitsplätze betroffen. Große Industrieinsolvenzen bringen also jeweils ungleich mehr Schaden mit sich als kleine Dienstleisterpleiten.13
3. Arbeitsplätze: Der Abbau läuft
772.900 Menschen arbeiteten 2024 in der Automobilindustrie.
Damit ist die Branche einer der größten industriellen Arbeitgeber Deutschlands. Auf die Zulieferer entfielen davon 266.800 Stellen, ein Minus von 2 Prozent gegenüber dem Vorjahr.14
48.700 Stellen verschwanden binnen eines Jahres.
Zum Ende des dritten Quartals 2025 arbeiteten 48.700 Menschen weniger in der Autoindustrie als ein Jahr zuvor, ein Minus von 6,3 Prozent. Das ist der stärkste Rückgang aller großen Industriebranchen.15
Fast jeder fünfte Autobetrieb fuhr Kurzarbeit.
Laut ifo Institut meldeten 19,3 Prozent der Unternehmen in der Automobilindustrie Kurzarbeit, einer der höchsten Werte aller Industriezweige.16
Die Insolvenzen ballen sich im Süden und Westen.
In unseren Daten konzentrieren sich die Auto-Insolvenzen auf Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Besonders ländliche Standorte trifft der Wegfall eines großen Zulieferers hart, weil die wirtschaftliche Alternative vor Ort fehlt. Die regionale Verteilung lässt sich live in unseren Statistiken nachvollziehen.17
Seit dem Rekordjahr 2018 sind rund 61.000 Stellen weg.
Gegenüber dem Beschäftigungshoch der Hochkonjunktur 2018 ist die Belegschaft der Branche deutlich geschrumpft. Die aktuelle Welle setzt also auf einem bereits sinkenden Trend auf.18
4. Stellenabbau bei den großen Namen
Die Krise trifft längst nicht nur kleine Betriebe. Auch die Branchenriesen haben massive Sparprogramme angekündigt.
ZF will bis zu 14.000 Stellen streichen.
Der Friedrichshafener Zulieferer kündigte an, bis zum Ende des Jahrzehnts bis zu 14.000 Arbeitsplätze in Deutschland abzubauen, davon knapp 2.000 am Standort Saarbrücken.19
Bosch plant bis 2030 rund 13.000 weitere Streichungen.
Zusätzlich zu bereits angekündigten Kürzungen sollen bei Bosch bis 2030 in Deutschland rund 13.000 weitere Stellen wegfallen, ein Schwerpunkt liegt im Bereich Antrieb und Zulieferung.20
Continental baut 4.700 Stellen in Europa ab.
Davon entfallen rund 2.800 auf Deutschland. Reiht man die Programme der großen Hersteller und Zulieferer aneinander, geht es in der Summe um weit mehr als 50.000 Arbeitsplätze.21
In unseren Daten zerfallen diese Programme in einzelne Standortpleiten.
Was als Konzern-Schlagzeile beginnt, taucht mit Verzögerung als einzelne Insolvenz eines Werks, eines Tochterbetriebs oder eines abhängigen Zulieferers in den amtlichen Bekanntmachungen auf. Genau diese Fälle macht die Insolvenzkarte sichtbar.22
5. Die Ursachen der Krise
Der Branchenumsatz fiel 2024 um 5 Prozent auf 536,1 Milliarden Euro.
Bei den Zulieferern brach der Umsatz mit minus 8 Prozent auf 85,2 Milliarden Euro noch deutlich stärker ein als bei den Herstellern. Sinkende Erlöse bei gleichzeitig hohen Fixkosten sind ein klassischer Insolvenztreiber.23
Die Pkw-Produktion liegt 12 Prozent unter dem Vorkrisenniveau.
2024 liefen rund 4,1 Millionen Pkw von den Bändern, 12 Prozent weniger als 2019. Weniger Stückzahlen bedeuten weniger Aufträge für die gesamte Zulieferkette.24
Die E-Auto-Neuzulassungen brachen 2024 um 27 Prozent ein.
Nur noch 380.609 reine Elektro-Pkw wurden zugelassen, ein Anteil von 13,5 Prozent nach 18,4 Prozent im Vorjahr. Hauptgrund war das abrupte Ende der staatlichen Kaufprämie, was die Planung in der gesamten Zulieferkette durcheinanderwirbelte.25
Chinesische Marken erobern den deutschen E-Auto-Markt.
Ihr Anteil am deutschen Elektroautomarkt stieg 2025 auf rund 9 Prozent. Allein BYD steigerte seine Neuzulassungen von 2.891 (2024) auf 23.306 (2025), ein Plus von rund 700 Prozent. Der Wettbewerbsdruck auf die heimischen Hersteller und ihre Zulieferer wächst rasant.26
Industriestrom kostet in Deutschland rund doppelt so viel wie in den USA oder China.
Mit etwa 20 Cent je Kilowattstunde lagen die deutschen Industriestrompreise 2024 spürbar über dem EU-Schnitt und weit über dem Niveau in den USA oder China, wo Betriebe unter 10 Cent zahlen. Energieintensive Prozesse wie Gießen, Schmieden und Lackieren werden so zum Standortnachteil.27
Die Stimmung in der Branche ist auf einem Tiefpunkt.
Das ifo Geschäftsklima im Fahrzeugbau lag im Frühjahr 2025 bei rund minus 32 Punkten. Vor allem neue US-Zölle bremsten erste Anzeichen einer Erholung sofort wieder aus.28
Ab 2026 soll ein subventionierter Industriestrompreis entlasten.
Die Bundesregierung will energieintensiven Betrieben von 2026 bis 2028 Strom zu rund 5 Cent je Kilowattstunde ermöglichen, etwa der Hälfte des bisherigen Preises. Ob das reicht, um die Standortkosten auszugleichen, bleibt abzuwarten.29
Bis zu 190.000 Jobs gelten durch die Transformation als gefährdet.
Eine Prognos-Studie beziffert die bis 2035 durch den Wandel zur Elektromobilität gefährdeten Arbeitsplätze auf bis zu 190.000. Grund ist vor allem der einfachere Aufbau des Elektroantriebs, der deutlich weniger Einzelteile benötigt.30
Die nächsten Fälle stehen schon in den Bekanntmachungen.
Viele Zulieferer gehen über die Eigenverwaltung in die Sanierung, werden verkleinert, verkauft oder zerschlagen. Solange Nachfrage und Margen unter Druck bleiben, dürften weitere Insolvenzen folgen. Wer wissen will, welche Standorte gerade betroffen sind, sieht das auf der Insolvenzkarte oft Tage vor den Schlagzeilen.31