Kunststoff steckt in fast allem, was Deutschland produziert: im Auto, im Haus, in der Lebensmittelverpackung, in der Medizintechnik. Genau deshalb trifft die Industriekrise die Kunststoffverarbeiter von allen Seiten zugleich. Wie schon in unseren Reports zu Maschinenbau-Insolvenzen und Autozulieferer-Insolvenzen zeigt sich: Die Pleitewelle hat die industrielle Substanz erreicht. Die folgenden über 30 Zahlen ordnen ein, wie tief die Krise in der Kunststoffbranche wirklich reicht.
1. Die Insolvenzwelle erreicht die Kunststoffbranche
23.900 Firmen meldeten 2025 in Deutschland Insolvenz an.
Das waren 8,3 Prozent mehr als im Vorjahr und der höchste Stand seit mehr als zehn Jahren. Besonders kräftig legten die Insolvenzen im Verarbeitenden Gewerbe zu, also genau dort, wo Spritzgießer, Extrudeure und Compoundeure zu Hause sind.1
In unserer Datenbank wird der Trend täglich sichtbar.
Bei InsolvenzTracker registrieren wir jede neue Insolvenzeröffnung aus dem amtlichen Justizportal, oft Wochen bevor die offizielle Statistik erscheint. Kunststoffverarbeiter, vom Werkzeug- und Formenbau bis zum Folienhersteller, sind dabei klar überdurchschnittlich vertreten.2
Die Firmenpleiten erreichten 2025 den höchsten Stand seit 20 Jahren.
Der IWH-Insolvenztrend des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle zählte 17.604 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften, den höchsten Wert seit 2005 und rund 5 Prozent über dem Krisenjahr 2009.3
Die Amtsgerichte registrierten 2025 insgesamt 24.064 Unternehmensinsolvenzen.
Das waren laut Statistischem Bundesamt 10,3 Prozent mehr als im Vorjahr und der höchste Stand seit 2014. Die Forderungen der Gläubiger aus diesen Verfahren bezifferten die Gerichte auf rund 47,9 Milliarden Euro.4
Wir zählen ausschließlich echte Firmeninsolvenzen.
Für diese Auswertung filtern wir auf eröffnete Unternehmensinsolvenzen und blenden Privatinsolvenzen, Einzelunternehmer und Nachlassverfahren aus. Jeder Fall ist um Branche, Rechtsform, Standort und zuständiges Amtsgericht angereichert, so lässt sich die Kunststoffverarbeitung sauber isolieren.5
Rund 170.000 Arbeitsplätze waren 2025 von Insolvenzen betroffen.
Der größte Teil davon, etwa 62.000 Jobs, entfiel auf das Verarbeitende Gewerbe. Das Branchenportal KunststoffWeb, das für die Kunststoffindustrie eine eigene laufende Insolvenzliste führt, spricht von einem deutlichen Anstieg der Unternehmenspleiten.6
Allein im dritten Quartal 2024 traf es sechs kunststoffrelevante Großunternehmen.
Unter den 78 Großinsolvenzen mit mehr als zehn Millionen Euro Umsatz, rund 30 Prozent über dem Fünf-Jahres-Schnitt, fanden sich unter anderem der Plattenhersteller Epsotech, der Sitzhersteller Recaro und die WKW-Gruppe. Die Kunststoffverarbeitung taucht in den Quartalsauswertungen der Berater seither regelmäßig unter den Krisenbranchen auf.7
Im Verarbeitenden Gewerbe stiegen die Pleiten 2025 um 10,3 Prozent.
Damit gehört die Industrie zu den am stärksten betroffenen Wirtschaftsbereichen, gleichauf mit dem Handel und deutlich vor dem Baugewerbe. Für die Kunststoffverarbeiter kommt erschwerend hinzu, dass ihre beiden größten Abnehmer, Automobilindustrie und Bau, selbst tief in der Krise stecken.8
2. Schrumpfende Branche: Umsatz und Beschäftigung
Die Kunststoffverarbeitung ist mit rund 307.000 Beschäftigten einer der großen industriellen Mittelstandssektoren Deutschlands. Seit 2023 schrumpft sie ununterbrochen.
Jeden Tag kommen neue Fälle hinzu.
Auf der Insolvenzkarte sehen wir die Eröffnungen nahezu in Echtzeit. Gerade aus Kunststoffverarbeitung, Spritzguss und Verpackungsproduktion ist kaum eine Woche ohne neue Einträge zur Normalität geworden.9
Der Umsatz der Kunststoffverarbeiter sank 2025 auf 68,2 Milliarden Euro.
Das Minus von 1,8 Prozent war bereits das dritte Rückgangsjahr in Folge. Die verarbeitete Menge fiel um 2 Prozent auf 11,8 Millionen Tonnen, und GKV-Präsidentin Helen Fürst brachte die Lage auf den Punkt: Die Unternehmen verdienen je Tonne weniger.10
Rund 5.600 Stellen fielen in der Kunststoffverarbeitung allein 2025 weg.
Der Beschäftigtenstand sank damit auf etwa 307.000. Zugleich zeigt die GKV-Trendumfrage, wie dünn die Puffer sind: Nur 12 Prozent der Unternehmen können Kostensteigerungen an ihre Kunden weitergeben, rund ein Drittel trägt sie komplett selbst.11
Schon 2024 verlor die Branche 3,1 Milliarden Euro Umsatz.
Die Erlöse der Kunststoff verarbeitenden Industrie fielen von 72,5 auf 69,4 Milliarden Euro, die Beschäftigtenzahl sank von über 319.000 auf rund 313.000. Die erhoffte Trendwende im Messejahr der K 2025 blieb aus.12
Nur die Rezyklate wachsen: 2,5 Millionen Tonnen wurden 2025 verarbeitet.
Während die Gesamtmenge schrumpfte, legte der Einsatz von Recyclingkunststoffen um 2 Prozent zu. Der Exportanteil der Branche lag bei 43,1 Prozent, das Auslandsgeschäft hielt sich deutlich besser als die schwache Inlandsnachfrage.13
In unseren Daten zerfallen Konzernschlagzeilen in einzelne Standortpleiten.
Was als Gruppen- oder Konzernschlagzeile beginnt, taucht mit Verzögerung als einzelne Insolvenz eines Werks, einer Tochtergesellschaft oder eines abhängigen Zulieferers in den amtlichen Bekanntmachungen auf. Genau diese Fälle macht die Insolvenzkarte sichtbar.14
Die Kunststoffverpackungsindustrie setzte 2025 nur noch 24,8 Milliarden Euro um.
Nach 25 Milliarden Euro im Vorjahr schrumpfte auch das größte Teilsegment der Branche. Die rund 90.600 Beschäftigten der Verpackungshersteller wurden um etwa 1 Prozent reduziert, während 47 Prozent des Umsatzes im Export erwirtschaftet werden.15
3. Die Fälle: von Gerhardi bis Treofan
Hinter den Statistiken stehen konkrete Betriebe, vom Weltmarktzulieferer bis zum Familienbetrieb mit 29 Beschäftigten. Eine Auswahl der Fälle aus den Jahren 2024 bis 2026.
Gerhardi Kunststofftechnik meldete mit rund 1.500 Beschäftigten Insolvenz an.
Der Lüdenscheider Traditionsbetrieb fertigt anspruchsvolle Kunststoffkomponenten mit galvanisierten Oberflächen für die Autoindustrie. Als Grund nannte das Management die anhaltende Krise der Automobilbranche mit gestiegenen Kosten und schleppender Nachfrage, das Amtsgericht Hagen eröffnete das Verfahren im November 2024.16
Für Boryszew Kunststofftechnik mit rund 500 Beschäftigten fand sich kein Investor.
Der insolvente VW-Zulieferer mit Werken in Gardelegen und Idar-Oberstein steckt seit März 2025 im Verfahren. Der Hauptkunde Volkswagen hat sich zurückgezogen, die verbleibenden Aufträge reichen nur bis Ende 2026, die Spritzguss-Produktion wird heruntergefahren.17
Beim Folienhersteller Treofan bangen rund 500 Beschäftigte um ihre Jobs.
Der Neunkircher Hersteller von Polypropylen-Folien für Zigaretten- und Lebensmittelverpackungen stellte im September 2025 einen Insolvenzantrag in Eigenverwaltung. Zuvor stand das Werk zeitweise still, weil der Energieversorger wegen unbezahlter Rechnungen mit der Abschaltung gedroht hatte, Augustlöhne waren offen.18
Epsotech stellte den Betrieb in Jülich komplett ein.
Der Hersteller von Kunststoffplatten für Lebensmittel-, Pharma- und Elektronikverpackungen hatte im August 2024 Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Nach gescheiterter Übertragung wurde die Schließung bis Ende September 2025 eingeleitet, rund 50 Beschäftigten wurde gekündigt, weil die Auftragslage keine Fortführung zuließ.19
Lätzsch Kunststoffverarbeitung rutschte zum zweiten Mal binnen fünf Jahren ins Verfahren.
Das Amtsgericht Leipzig eröffnete am 1. April 2026 die Sanierung in Eigenverwaltung für den sächsischen Spezialisten für PUR-Schäume und Verbundwerkstoffe mit rund 80 Beschäftigten. Bereits von Ende 2021 bis Anfang 2023 hatte das Unternehmen ein Eigenverwaltungsverfahren durchlaufen.20
Bei Riedl Kunststofftechnik brach der Umsatz um rund ein Viertel ein.
Der Spritzguss- und Formenbaubetrieb aus Erding mit 29 Beschäftigten rutschte 2025 tief in die Verlustzone und beantragte ein Insolvenzverfahren. Immerhin: Über eine Investorenlösung wurde der Geschäftsbetrieb zum 1. März 2026 auf eine neue Gesellschaft übertragen, alle Arbeitsplätze blieben erhalten.21
MoldTecs mit rund 580 Beschäftigten stellte im Mai 2026 Insolvenzantrag.
Der Hersteller technischer Kunststoffkomponenten wie Ansaugsysteme und Ladeluftleitungen, 2022 aus MANN+HUMMEL ausgegliedert, ging in die Eigenverwaltung. Betroffen sind die Standorte Sonneberg in Thüringen und Bad Harzburg in Niedersachsen.22
Auch der Spielzeughersteller Franz Schneider mit 120 Beschäftigten ist insolvent.
Der Traditionsbetrieb aus Neustadt bei Coburg, bekannt für Kinderfahrzeuge aus Kunststoff, beantragte im Februar 2026 ein Eigenverwaltungsverfahren, nachdem im Abschwung nach Corona ein wichtiger Kunde weggebrochen war. Ziel ist die Sanierung und Fortführung des Betriebs.23
4. Energie, Abnehmerkrise und Billigimporte
Industriestrom kostet heute das 1,8-fache, Gas das Dreifache von 2020.
Der Strompreis für Industriekunden stieg von 5,9 Cent je Kilowattstunde 2020 auf 10,5 Cent 2025, Erdgas für Großverbraucher von 2,2 auf 6,5 Cent. Für die energieintensive Kunststoffverarbeitung mit ihren beheizten Extrudern und Spritzgussmaschinen ist das ein dauerhafter Standortnachteil gegenüber den USA und China.24
Die Kunststoff-Pleiten ballen sich in den Industrieregionen.
In unseren Daten konzentrieren sich die Fälle auf Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg sowie auf ostdeutsche Werksstandorte, die oft an einem einzigen Großkunden hängen. Die regionale Verteilung lässt sich live in unseren Statistiken nachvollziehen.25
Die deutsche Kunststoffproduktion lag 2023 um 17,6 Prozent unter 2021.
Auch die Verarbeitung verfehlte das Vorkrisenniveau um 8,5 Prozent. Die Verbände der Kunststofferzeuger und -verarbeiter werteten das gemeinsam als Warnsignal für den Wirtschaftsstandort Deutschland.26
Dow schließt den Cracker in Böhlen: 550 Jobs fallen weg.
Der US-Chemiekonzern legt seinen Ethylen-Cracker in Böhlen und die Chlor-Alkali-Anlagen in Schkopau bis Ende 2027 still. Damit verschwindet ein Teil der heimischen Rohstoffbasis für Kunststoffe, die Verarbeiter werden noch abhängiger von Importen.27
Europas Anteil an der Weltkunststoffproduktion fiel von 22 auf 12 Prozent.
Seit 2006 hat sich der europäische Weltmarktanteil fast halbiert, während Asien 2024 auf 57,2 Prozent kam. Allein China produziert mit 34,5 Prozent fast dreimal so viel Kunststoff wie die gesamte EU, entsprechend groß ist der Druck durch Billigimporte bei Standardkunststoffen.28
5. Regulierung und Ausblick
Der Umsatz der europäischen Kunststoffindustrie brach um 13 Prozent ein.
Von 457 Milliarden Euro im Jahr 2022 fiel er binnen zwei Jahren auf 398 Milliarden Euro. PlasticsEurope dokumentiert im Report Plastics the Fast Facts 2025 einen schnellen und anhaltenden Verlust an Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Kunststofferzeugung.29
Ab dem 12. August 2026 gilt die EU-Verpackungsverordnung PPWR.
Ab 2030 schreibt sie Rezyklat-Mindestquoten von 10 bis 35 Prozent je Verpackungskategorie vor, etwa 30 Prozent Post-Consumer-Rezyklat für kontaktsensitive PET-Verpackungen. Für viele Verpackungshersteller bedeutet das Investitionen in einer Phase, in der die Margen ohnehin nicht mehr tragen.30
Die nächsten Fälle stehen schon in den Bekanntmachungen.
Viele Kunststoffverarbeiter gehen über die Eigenverwaltung in die Sanierung, werden verkleinert, verkauft oder zerschlagen. Solange Energiekosten, Abnehmerkrise und Importdruck zusammenwirken, dürften weitere Insolvenzen folgen. Wer wissen will, welche Standorte gerade betroffen sind, sieht das auf der Insolvenzkarte oft Tage vor den Schlagzeilen.31