In der Pandemie galt das Fahrrad als Krisengewinner, die Hersteller kamen mit der Produktion kaum hinterher. Wenige Jahre später reihen sich Insolvenzen von Traditionsmarken, Onlinehändlern und Start-ups aneinander, ganz ähnlich wie im Einzelhandel und in der Modebranche. Die folgenden über 30 Zahlen ordnen ein, wie groß das Problem wirklich ist.
1. Die Insolvenzwelle erreicht die Fahrradbranche
24.064 Firmen meldeten 2025 in Deutschland Insolvenz an.
Das waren 10,3 Prozent mehr als im Vorjahr und der höchste Stand seit 2014. Die offenen Gläubigerforderungen aus diesen Verfahren beziffert das Statistische Bundesamt auf rund 47,9 Milliarden Euro.1
Im Handel stiegen die Pleiten 2025 um 10,4 Prozent.
Creditreform zählte insgesamt 23.900 Unternehmensinsolvenzen, ein Zehn-Jahres-Hoch. Der Handel, zu dem auch die Fahrradgeschäfte und Fahrradversender gehören, lag beim Anstieg mit an der Spitze aller Wirtschaftsbereiche.2
In unserer Datenbank wird der Trend täglich sichtbar.
Bei InsolvenzTracker registrieren wir jede neue Insolvenzeröffnung aus dem amtlichen Justizportal, oft Wochen bevor die offizielle Statistik erscheint. Fahrradhersteller, Fahrradhändler und Zweiradwerkstätten tauchen darin seit dem Ende des Corona-Booms auffallend häufig auf.3
Die Firmenpleiten erreichten 2025 den höchsten Stand seit 20 Jahren.
Der IWH-Insolvenztrend des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle zählte 17.604 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften, den höchsten Wert seit 2005 und rund 5 Prozent über dem Krisenjahr 2009.4
Über 70 Prozent der Fahrradhersteller erwarteten weitere Umsatzrückgänge.
In einer Roland-Berger-Befragung unter 34 Herstellern rechnete die große Mehrheit für 2025 mit erneut sinkenden Erlösen. Eine Normalisierung der Lager erwarteten die Befragten frühestens nach dem Sommer 2025, eine echte Erholung erst mit der Saison 2026.5
Wir zählen ausschließlich echte Firmeninsolvenzen.
Für diese Auswertung filtern wir auf eröffnete Unternehmensinsolvenzen und blenden Privatinsolvenzen, Einzelunternehmer und Nachlassverfahren aus. Jeder Fall ist um Branche, Rechtsform, Standort und zuständiges Amtsgericht angereichert, so lässt sich die Fahrradbranche sauber isolieren.6
66 Prozent der Branchenvertreter bewerteten die Lage Ende 2025 als schlecht.
In einer Umfrage vom November 2025 stuften zwei Drittel die Situation als schlecht oder sehr schlecht ein, ein weiteres Drittel erwartete sogar eine zusätzliche Verschlechterung. Von Entwarnung kann in der Branche also keine Rede sein.7
2. Vom Corona-Boom in die Rabattschlacht
Die Wurzel der Krise liegt im Boom selbst: Während der Pandemie bestellten Hersteller und Händler massiv Ware, die wegen gestörter Lieferketten erst mit Jahren Verspätung ankam, mitten in die einbrechende Nachfrage hinein.
3,8 Millionen Fahrräder und E-Bikes wurden 2025 verkauft.
Das war ein Rückgang von 3,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der E-Bike-Anteil lag laut ZIV mit 52,7 Prozent stabil über der Hälfte des Marktes, inzwischen rollen mehr als 17 Millionen E-Bikes auf deutschen Straßen.8
Der Branchenumsatz sank 2025 um 7,7 Prozent auf 5,85 Milliarden Euro.
Der Umsatz mit Fahrrädern und E-Bikes ging damit deutlich stärker zurück als die Stückzahlen, ein direkter Effekt der anhaltenden Rabattaktionen. Der ZIV spricht dennoch von einer Stabilisierung auf gutem Niveau.9
Jeden Tag kommen neue Fälle hinzu.
Auf der Insolvenzkarte sehen wir die Eröffnungen nahezu in Echtzeit. Vom kleinen Radladen bis zum Hersteller ist kaum eine Woche ohne neue Einträge aus der Fahrradbranche zur Normalität geworden.10
1,45 Millionen Räder stauten sich 2023 in den Lagern des Handels.
Der Lagerbestand war damit doppelt so hoch wie in normalen Jahren. Noch im Juli 2024 meldeten in einer Händlerbefragung 75 Prozent der Betriebe ungewöhnlich volle Lager, ein einzelner Hersteller saß zeitweise auf einer knapp siebenstelligen Zahl überzähliger Räder.11
Hochwertige Räder standen zeitweise mit 50 bis 70 Prozent Rabatt im Handel.
Um die vollen Lager zu räumen, lieferten sich Hersteller und Händler eine beispiellose Rabattschlacht. Solche Nachlässe vernichten die Marge gleich zweifach: beim Verkäufer des reduzierten Rads und beim Wettbewerber, der seine reguläre Ware nicht mehr los wird.12
Der Durchschnittspreis eines E-Bikes fiel 2025 von 2.650 auf 2.550 Euro.
Das Minus von 3,8 Prozent geht laut ZIV direkt auf die Rabattaktionen zurück. Bei klassischen Fahrrädern blieb der Durchschnittspreis mit rund 500 Euro stabil, das Premiumsegment litt dagegen besonders unter dem Preisverfall.13
Die Insolvenzen der Branche ballen sich nicht in einer Region.
In unseren Daten verteilen sich die Fälle über das ganze Land: Herstellerpleiten in Ostwestfalen, Franken und Thüringen, Händlerpleiten in nahezu jedem Bundesland. Die regionale Verteilung lässt sich live in unseren Statistiken nachvollziehen.14
3. Herstellerpleiten: von Prophete bis YT Industries
Die Krise trifft keineswegs nur Nischenanbieter. Auch Traditionsmarken mit über 100 Jahren Geschichte und gehypte Direktversender mussten Insolvenz anmelden.
Prophete meldete nach mehr als 110 Jahren Insolvenz an.
Der Hersteller aus Rheda-Wiedenbrück, einer der größten Lieferanten für Bau- und Fahrradmärkte, stellte kurz vor Weihnachten 2022 beim Amtsgericht Bielefeld den Insolvenzantrag. Neben Beschaffungsproblemen trug ein Cyberangriff, der den Betrieb rund drei Wochen lahmlegte, zur Pleite bei.15
Ein Investor aus Singapur übernahm alle 400 Prophete-Mitarbeiter.
Im März 2023 erwarb der strategische Investor Dutech die Vermögenswerte der Gruppe im Rahmen einer übertragenden Sanierung, inklusive der Tochter Cycle Union in Oldenburg mit Marken wie Kreidler. Sämtliche rund 400 Beschäftigten wurden übernommen.16
Sprick Cycle machte 2023 über 6 Millionen Euro Verlust und ging in die Insolvenz.
Der über 100 Jahre alte Hersteller aus Gütersloh stellte kurz vor dem Jahreswechsel 2024/2025 den Insolvenzantrag, betroffen waren auch die Holding und das Produktionswerk im polnischen Swiebodzin. Insgesamt standen mehr als 500 Arbeitsplätze auf dem Spiel.17
Beim Mountainbike-Star YT Industries waren 200 Beschäftigte betroffen.
Der fränkische Direktversender aus Hausen bei Forchheim leitete im Juli 2025 ein Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung beim Amtsgericht Bamberg ein, nachdem der Hauptgesellschafter die Finanzierung gestoppt hatte. Später kaufte Gründer Markus Flossmann das Unternehmen zurück.18
Die Traditionsmarke Möve von 1897 rutschte 2025 erneut in die Insolvenz.
Möve Mobility aus Mühlhausen in Thüringen, Nachfolger einer Marke, die bis zum Zweiten Weltkrieg eine halbe Million Räder verkaufte, meldete im September 2025 Insolvenz an. Es war bereits die zweite Pleite seit 2021, dazwischen lag 2024 ein wieder zurückgezogener Antrag.19
E-Bike-Pionier Advanced scheiterte nach 13 Jahren.
Die Advanced Bikes GmbH, bekannt für Pedelecs und E-Lastenräder aus deutscher Produktion, stellte Ende November 2024 einen Insolvenzantrag. Die Marke überlebte nur, weil eine neu gegründete Gesellschaft Markenrechte und Produktionsanlagen übernahm.20
Sushi Bikes ging mit 4,3 Millionen Euro Schulden in die Insolvenz.
Das Münchner Start-up, mitgegründet von TV-Moderator Joko Winterscheidt, hatte zuletzt einen Jahresverlust von über 2,7 Millionen Euro eingefahren und stellte im November 2025 den Antrag. Eine Düsseldorfer Beteiligungsgesellschaft übernahm die Marke später aus der Insolvenz.21
4. Handel und Zulieferer unter Druck
Was als Konzern-Schlagzeile beginnt, endet als einzelne Standortpleite.
In unseren Daten zerfällt eine Gruppen- oder Ketteninsolvenz mit Verzögerung in einzelne Einträge je Gesellschaft und Amtsgericht, vom Onlineshop bis zur Ladengesellschaft. Genau diese Fälle macht die Insolvenzkarte sichtbar, bevor sie überregional Schlagzeilen machen.22
fahrrad.de wurde insolvent, nachdem Signa eine 150-Millionen-Zusage kippte.
Im Oktober 2023 zog die Signa-Gruppe von René Benko ihre Finanzierungszusage über 150 Millionen Euro für Signa Sports United zurück. Kurz darauf meldete die Stuttgarter Tochter Internetstores, Betreiberin von fahrrad.de und Bikester, Insolvenz an.23
Bei Internetstores standen 470 Arbeitsplätze und über 32 Onlineshops vor dem Aus.
Die Investorensuche für den einst größten europäischen Fahrrad-Onlinehändler blieb erfolglos, Anfang 2024 wurde die Liquidation des Geschäftsbetriebs eingeleitet. Der Corona-Liebling des Online-Fahrradhandels verschwand damit weitgehend vom Markt.24
Der Fachhändler HiBike meldete im Dezember 2024 Insolvenz an.
Das 1994 gegründete Unternehmen aus Kronberg, stationär im Rhein-Main-Gebiet verwurzelt und zugleich einer der führenden Bike-Onlineshops im deutschsprachigen Raum, geriet mit rund 60 Beschäftigten in die Krise. Ein Investor aus der Fahrradbranche rettete den Betrieb später.25
Beim E-Bike-Akku-Hersteller BMZ blieben nach der Insolvenz 207 Arbeitsplätze übrig.
Für BMZ Germany und die BMZ Holding aus Karlstein am Main wurden im Dezember 2025 Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung eröffnet. Die Belegschaft schrumpfte im Zuge der Krise etwa um die Hälfte, ehe ein neuer Eigentümer den Neustart ermöglichte.26
5. Jobs, Leasing und Ausblick
Auch wer nicht insolvent ist, baut Personal ab. Gleichzeitig zeigen Dienstradleasing und Werkstattgeschäft, dass das Fahrrad als Verkehrsmittel keineswegs aus der Mode ist.
Canyon streicht bis zu 320 Stellen, rund 20 Prozent der Belegschaft.
Der Koblenzer Direktversender, mit etwa 1.600 Beschäftigten einer der größten Player der Branche, begründet den Schritt mit dem grundlegend veränderten Marktumfeld nach dem Corona-Boom sowie US-Zöllen und geopolitischen Spannungen. Betroffen ist vor allem die Zentrale mit rund 1.200 Mitarbeitern.27
Beim Leasing-Marktführer JobRad verlassen 107 Beschäftigte das Unternehmen.
Der Freiburger Dienstrad-Pionier war binnen eines Jahrzehnts auf rund 1.000 Beschäftigte und über eine Milliarde Euro Jahresumsatz gewachsen. Seit 2024 stagniert das Geschäft, der angekündigte Stellenabbau fiel am Ende mit 107 Stellen etwas geringer aus als zunächst befürchtet.28
720.000 Diensträder wurden 2025 neu verleast, 5 Prozent weniger als im Vorjahr.
Selbst der lange boomende Leasing-Markt schwächelt also. Die Flotte umfasst laut ZIV inzwischen rund 2,2 Millionen Diensträder bei über 340.000 Arbeitgebern, das Werkstattgeschäft legte 2025 um 13,5 Prozent zu und stützt viele Händler.29
Der Fahrradmarkt schrumpfte 2025 auf 9,4 Milliarden Euro.
Das Minus von 5,1 Prozent war bereits der dritte Umsatzrückgang in Folge, dennoch liegt der Markt inklusive Zubehör und Service weiter deutlich über dem Vor-Corona-Niveau. Bemerkenswert: Seit 2016 sind laut IFH Köln nur 124 Fahrradhändler aus dem Markt ausgeschieden, viele Betriebe halten sich mit Werkstatt und Service.30
Die nächsten Fälle stehen schon in den Bekanntmachungen.
Viele Anbieter retten sich über Eigenverwaltung, Investorenlösungen oder Rückkäufe durch die Gründer, andere verschwinden still vom Markt. Solange Lagerbestände und Rabatte auf den Margen lasten, dürften weitere Insolvenzen folgen. Wer wissen will, welche Standorte gerade betroffen sind, sieht das auf der Insolvenzkarte oft Tage vor den Schlagzeilen.31