Jahrzehntelang stand die Möbelproduktion "made in Germany" für solide Wertarbeit und gut gefüllte Auftragsbücher. Inzwischen häufen sich Umsatzeinbrüche, Kurzarbeit, Werksschließungen und Insolvenzanträge, und das quer durch die Branche, vom Küchenstudio bis zum Polstermöbelwerk. Die folgenden über 30 Zahlen ordnen ein, wie groß das Problem wirklich ist.
1. Die Pleitewelle in Zahlen
2025 gab es 24.064 Unternehmensinsolvenzen in Deutschland.
Das waren 10,3 Prozent mehr als im Vorjahr und der höchste Wert seit 2014, als 24.085 Fälle gezählt wurden. Nach den Plus-Werten der Jahre 2023 und 2024 ist das Insolvenzgeschehen damit auf breiter Front auf einem Jahrzehnthoch.1
In unserer Datenbank wird der Trend täglich sichtbar.
Bei InsolvenzTracker registrieren wir jede neue Insolvenzeröffnung aus den amtlichen Bekanntmachungen, oft Wochen bevor die offizielle Statistik erscheint. Möbelindustrie und Möbelhandel sind dabei klar überdurchschnittlich vertreten.2
Über 230 Insolvenzen zählte die Möbelbranche allein 2024.
Nach einer Auswertung des Kreditversicherers Allianz Trade kletterten die Insolvenzen in der Branche 2024 auf mehr als 230 Fälle, ein neues Zehn-Jahres-Hoch. Über alle Umsatzklassen hinweg legten die Verfahren um rund 10 Prozent zu.3
Wir zählen ausschließlich echte Firmeninsolvenzen.
Für diese Auswertung filtern wir auf eröffnete Unternehmensinsolvenzen und blenden Privatinsolvenzen, Einzelunternehmer und Nachlassverfahren aus. Jeder Fall ist um Branche, Rechtsform, Standort und zuständiges Amtsgericht angereichert, so lässt sich der Möbelsektor sauber isolieren.4
23.900 Firmen meldeten 2025 insgesamt Insolvenz an.
Nach Auswertung von Creditreform war das ein Plus von 8,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr und der höchste Stand seit mehr als zehn Jahren. Geschätzt 285.000 Beschäftigte waren von diesen Insolvenzen betroffen.5
Jeden Tag kommen neue Fälle hinzu.
Auf der Insolvenzkarte sehen wir die Eröffnungen nahezu in Echtzeit. Gerade aus dem Möbelhandel und der Möbelproduktion ist kaum eine Woche ohne neue Einträge zur Normalität geworden.6
Die Firmenpleiten erreichten 2025 den höchsten Stand seit zwei Jahrzehnten.
Der IWH-Insolvenztrend des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle zählte 2025 rund 17.600 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften, den höchsten Wert seit 2005 und sogar mehr als nach der Finanzkrise 2009. Das verarbeitende Gewerbe und der Handel zählten zu den am stärksten betroffenen Bereichen.7
2025 könnten die Möbel-Insolvenzen um 20 Prozent steigen.
Diese Prognose nennen die Restrukturierungsexperten von FalkenSteg für das laufende Jahr. Sie rechnen mit deutlichem Stellenabbau, Werksschließungen und Verkäufen, weil die Nachfrageschwäche anhält.8
Die Insolvenzen ballen sich regional in den Möbelhochburgen.
In unseren Daten konzentrieren sich die Fälle auf die klassischen Möbelregionen, allen voran Ostwestfalen-Lippe und Oberfranken. Fällt dort ein großer Arbeitgeber weg, fehlt vor Ort oft die wirtschaftliche Alternative. Die regionale Verteilung lässt sich live in unseren Statistiken nachvollziehen.9
2. Warum es die Möbelbranche so hart trifft
Insolvenzen prägten lange vor allem Gastronomie, Bau und Einzelhandel. Beim Möbel trifft beides zusammen: ein schrumpfender Handel und eine schrumpfende Produktion.
15,8 Milliarden Euro setzte die Möbelindustrie 2025 um.
Das war ein Minus von 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr und der niedrigste Stand seit 2009. Die Branche steckt damit im dritten Krisenjahr in Folge.10
2024 brach der Umsatz sogar um 7,8 Prozent ein.
Auf 16,3 Milliarden Euro fiel der Branchenumsatz im Jahr 2024. Auf den heftigen Einbruch 2024 folgte 2025 also kein Aufschwung, sondern der nächste Rückgang.11
Der Inlandsumsatz fiel 2025 um 4,4 Prozent auf 10,4 Milliarden Euro.
Das Auslandsgeschäft hielt sich mit minus 1,2 Prozent (rund 5,4 Milliarden Euro) etwas besser. Der heimische Markt, das Rückgrat vieler Hersteller, schrumpft also schneller als der Export.12
Bei Matratzen brach der Umsatz 2025 um 15,2 Prozent ein.
Kaum ein Segment traf es härter: Die Matratzenhersteller verloren 15,2 Prozent und kamen nur noch auf rund 420 Millionen Euro. Auch Polstermöbel (minus 7,2 Prozent) und sonstige Möbel (minus 5,5 Prozent) lagen klar im Minus.13
69 Insolvenzverfahren gab es 2023 allein im Möbeleinzelhandel.
So viele Verfahren wurden laut amtlicher Statistik im deutschen Möbelhandel eröffnet. Die Pleitewelle 2024 und 2025 baut also bereits auf einem angespannten Niveau auf.14
Ein Drittel der Betriebe plante Kurzarbeit.
Um die Nachfragedelle zu überbrücken, kündigte rund jeder dritte befragte Möbelbetrieb für das erste Quartal Kurzarbeit an. Das ist ein klassisches Vorzeichen für weitere Insolvenzen.15
3. Die großen Namen, die es erwischt hat
Die Krise trifft längst nicht nur kleine Werkstätten. Auch bekannte Traditionsmarken und ganze Handelsketten sind in den vergangenen Monaten in die Insolvenz gerutscht.
König + Neurath meldete nach 100 Jahren Insolvenz an, 830 Jobs betroffen.
Der Büromöbel-Pionier aus dem hessischen Karben stellte am 17. November 2025 beim Amtsgericht Frankfurt einen Antrag auf Eigenverwaltung. Rund 830 Beschäftigte sind betroffen, ausgelöst durch den eingebrochenen Bedarf an Büromöbeln seit Anfang 2024.16
Matratzen Direct schließt alle 97 Filialen, rund 300 Jobs fallen weg.
Die Kölner Matratzen Direct AG (Matratzen Concord) beendet ihren Geschäftsbetrieb. Trotz Ansprache von mehr als 44 potenziellen Käufern fand sich kein Investor, alle 97 Filialen werden geschlossen und rund 300 Beschäftigte verlieren ihren Arbeitsplatz.17
Beim Schlafzimmermöbel-Hersteller Nolte Möbel verloren rund 230 Menschen ihre Stelle.
Der Traditionshersteller stellte 2025 den Betrieb ein. Rund 230 Beschäftigte verloren ihre Existenz. (Der separate Betrieb Nolte Küchen ist davon nicht betroffen.)18
Die Möbelfabrik Mäusbacher rutschte mit 125 Beschäftigten in die Insolvenz.
Der oberfränkische Hersteller aus Sonnefeld beantragte am 21. August 2025 beim Amtsgericht Coburg ein Verfahren in Eigenverwaltung. Auslöser war ein deutlicher Nachfragerückgang ab April 2025, verschärft durch Produktionsausfälle.19
Auch die Traditionsmarke Lambert ist insolvent, rund 70 Mitarbeiter betroffen.
Das Möbel- und Wohnaccessoire-Unternehmen aus Mönchengladbach stellte im August 2025 Insolvenzantrag. Rund 70 Beschäftigte und zahlreiche Händler sind betroffen.20
Vier Gesellschaften der Möbelhaus-Gruppe Pagnia gingen in die Insolvenz.
Bei der Unternehmensgruppe aus dem Westerwald sind vier Gesellschaften betroffen, rund 90 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Die Häuser laufen unter vorläufiger Insolvenzverwaltung zunächst weiter.21
Was als Ketten-Schlagzeile beginnt, taucht als einzelne Standortpleite auf.
Was als Konzern- oder Ketten-Schlagzeile beginnt, taucht mit Verzögerung als einzelne Insolvenz eines Werks, einer Filiale oder eines Tochterbetriebs in den amtlichen Bekanntmachungen auf. Genau diese Fälle macht die Insolvenzkarte sichtbar.22
4. Regionen und Beschäftigte unter Druck
Nur noch rund 68.300 Menschen arbeiten in den größeren Möbelbetrieben.
Im Jahresdurchschnitt 2025 beschäftigten die 398 Betriebe mit 50 und mehr Mitarbeitern 68.342 Personen, rund 4 Prozent weniger als im Vorjahr. Auch die Zahl der Betriebe selbst ging um 4 Prozent zurück.23
75 Prozent aller in Deutschland produzierten Küchen stammen aus Ostwestfalen-Lippe.
Laut dem Verband der Deutschen Küchenmöbelindustrie kommt die große Mehrheit der heimischen Küchen aus dieser einen Region. Gerät die Küchenbranche unter Druck, trifft das OWL also besonders hart.24
Knapp ein Drittel aller Möbel-Beschäftigten arbeitet in Ostwestfalen.
Damit hängt ein erheblicher Teil der deutschen Möbelproduktion an einer einzigen Region. Insolvenzen wie bei RWK Küchen in Löhne, das 2025 zum zweiten Mal binnen zehn Jahren Insolvenz anmelden musste und rund 50 Stellen verlor, treffen die Strukturen vor Ort unmittelbar.25
Im ersten Halbjahr 2025 lag der Branchenumsatz 5,1 Prozent unter Vorjahr.
Auf rund 7,9 Milliarden Euro kam die Möbelindustrie im ersten Halbjahr, ein Minus von 5,1 Prozent. Besonders Büromöbel (minus 14,5 Prozent) und Matratzen (minus 18,8 Prozent) brachen ein.26
5. Die Ursachen der Krise
Fast jedes dritte importierte Möbel stammt inzwischen aus China.
Die Möbelimporte aus China stiegen im ersten Halbjahr 2025 um rund 25 Prozent auf 1,7 Milliarden Euro, ein Anteil von etwa 30 Prozent an allen deutschen Möbelimporten. Wegen US-Zöllen drängt zusätzlich chinesische Ware auf den deutschen Markt.27
Die Importquote im deutschen Möbelmarkt kletterte auf 59,8 Prozent.
Mehr als jedes zweite in Deutschland verkaufte Möbelstück kommt mittlerweile aus dem Ausland (Vorjahr: 53,1 Prozent). Insgesamt wuchsen die Importe um fast 15 Prozent auf 5,6 Milliarden Euro, zweitwichtigstes Lieferland ist Polen mit rund 28 Prozent.28
Jeder dritte Haushalt hat seine Möbelausgaben gekürzt.
In einer YouGov-Umfrage gaben 32 Prozent an, in den vergangenen zwei Jahren weniger für Möbel ausgegeben zu haben, 25 Prozent kauften gar nichts. Lebensmittel und Energie haben Vorrang vor neuen Möbeln.29
2024 sank die Zahl der Baugenehmigungen auf den niedrigsten Stand seit 2010.
Weniger Neubau bedeutet weniger neu eingerichtete Wohnungen und damit weniger Möbelnachfrage. 2025 wurden zwar wieder 238.500 Wohnungen genehmigt (plus 10,8 Prozent), das Niveau bleibt aber historisch niedrig, und genehmigte Wohnungen werden erst Jahre später eingerichtet.30
Die nächsten Fälle stehen schon in den Bekanntmachungen.
Solange Nachfrage und Margen unter Druck bleiben, dürften weitere Möbelhersteller und -händler folgen, viele über die Eigenverwaltung in die Sanierung, andere in die Zerschlagung. Wer wissen will, welche Standorte gerade betroffen sind, sieht das auf der Insolvenzkarte oft Tage vor den Schlagzeilen.31