Lange galt die Energieversorgung als krisenfestes Geschäft mit planbaren Erlösen. Seit der Energiekrise 2021 und 2022 ist davon wenig übrig. Erst trafen explodierende Großhandelspreise die Discounter, dann drückten fallende Preise und billige Importe die nächste Welle in die Solarbranche. Die folgenden über 30 Zahlen ordnen ein, wie groß das Problem wirklich ist.
1. Die Pleitewelle bei Stromanbietern
41 Energielieferanten stellten allein 2021 ihre Belieferung ein.
Bei der Bundesnetzagentur zeigten 2021 insgesamt 41 Lieferanten die Beendigung ihrer Belieferung an, davon 7 für Strom und Gas, 30 nur für Strom und 4 nur für Gas. Viele konnten ihre festen Preiszusagen bei explodierenden Einkaufskosten schlicht nicht mehr halten.1
Das war rund doppelt so viel wie im langjährigen Schnitt.
Zwischen 2016 und 2020 beendeten im Mittel etwa 20 Energieversorger pro Jahr ihre Lieferungen. 2021 hat sich diese Zahl mit dem Preisschock nahezu verdoppelt, ein klarer Bruch im sonst trägen Markt.2
In unserer Datenbank wird der Trend täglich sichtbar.
Bei InsolvenzTracker registrieren wir jede neue Insolvenzeröffnung aus dem amtlichen Justizportal, oft Wochen bevor die offizielle Statistik erscheint. Energieversorger und Stromanbieter sind dabei zuletzt überdurchschnittlich vertreten.3
Im ersten Quartal 2022 meldeten vier Energieversorger Insolvenz an.
Im gesamten Jahr 2021 waren es nach einer Auswertung der Beratungsgesellschaft FalkenSteg nur zwei größere Energieversorger gewesen, in den ersten drei Monaten 2022 schon vier. Darunter Kehag Energiehandel aus Oldenburg mit rund 300 Millionen Euro Jahresumsatz.4
Wir zählen ausschließlich echte Firmeninsolvenzen.
Für diese Auswertung filtern wir auf eröffnete Unternehmensinsolvenzen und blenden Privatinsolvenzen, Einzelunternehmer und Nachlassverfahren aus. Jeder Fall ist um Branche, Rechtsform, Standort und zuständiges Amtsgericht angereichert, so lässt sich die Energiewirtschaft sauber isolieren.5
Die FlexStrom-Pleite ist mit 835.000 Gläubigern bis heute Rekord.
Als der Stromdiscounter FlexStrom 2013 zusammenbrach, blieben rund 835.000 Gläubiger mit Forderungen von etwa 570 Millionen Euro zurück, gemessen an der Gläubigerzahl die größte Insolvenz der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Bis zu 600.000 Kunden hatten ihren Strom oft im Voraus bezahlt.6
Jeden Tag kommen neue Fälle hinzu.
Auf der Insolvenzkarte sehen wir die Eröffnungen nahezu in Echtzeit. Gerade aus dem Energie- und Versorgungsbereich, von kleinen Stromhändlern bis zu Projektgesellschaften, ist kaum eine Woche ohne neue Einträge zur Normalität geworden.7
Über 40 Anbieter stellten in der Spitze der Krise die Belieferung ein.
Auf dem Höhepunkt der Energiekrise meldeten innerhalb weniger Monate mehr als 40 Strom- und Gaslieferanten den Stopp ihrer Belieferung. Die Bundesnetzagentur prüfte daraufhin, ob die Anbieter ihre energierechtlichen Pflichten gegenüber den Kunden verletzt hatten.8
Die Insolvenzen ballen sich regional.
In unseren Daten verteilen sich die Energie- und Versorgerpleiten quer über die Republik, oft entlang der Standorte der jeweiligen Vertriebsgesellschaften. Wo ein lokaler Versorger ausfällt, muss der Grundversorger einspringen. Die regionale Verteilung lässt sich live in unseren Statistiken nachvollziehen.9
2. Wenn der Anbieter ausfällt: Folgen für Kunden
Wird ein Versorger zahlungsunfähig, geht im Haushalt nicht das Licht aus. Aber der Wechsel in die Ersatzversorgung kostet oft viel Geld, und vorausbezahlte Beträge sind häufig verloren.
Die TelDaFax-Pleite traf mehr als 300.000 Kunden direkt.
Beim Zusammenbruch des Discounters TelDaFax 2011 entstand ein Schaden von rund 750 Millionen Euro. Über 300.000 Kunden wurden zu unfreiwilligen Gläubigern, weil sie ihren Strom vorausbezahlt hatten und dann nicht mehr beliefert wurden.10
Stromio und Grünwelt kündigten zur Weihnachtszeit 2021 allen Kunden.
Am 21. Dezember 2021 kündigte die Stromio GmbH mit ihren Marken Stromio und Grünwelt sämtliche Stromlieferverträge und stellte die Versorgung ein. Betroffen waren mehrere Hunderttausend Kunden, die abrupt in die teure Ersatzversorgung fielen.11
Die Ersatzversorgung greift höchstens drei Monate.
Fällt der Lieferant aus, übernimmt der örtliche Grund- und Ersatzversorger automatisch, aber maximal drei Monate lang. In dieser Zeit dürfen die Preise jeweils zum 1. und 15. eines Monats ohne Frist angepasst werden, weshalb die Ersatzversorgung oft deutlich teurer ausfällt als der gekündigte Tarif.12
Seit Juli 2022 dürfen Beschaffungskosten direkt weitergereicht werden.
Eine Änderung des Energiewirtschaftsgesetzes erlaubt es Grundversorgern seit dem 29. Juli 2022, in der Ersatzversorgung höhere Beschaffungskosten an die neuen Kunden weiterzugeben. Damit landet ein Teil der Insolvenzkosten direkt bei den Verbrauchern.13
Was als Schlagzeile beginnt, taucht als einzelne Standortpleite auf.
Was als Konzern- oder Ketten-Schlagzeile über einen wankenden Versorger beginnt, taucht mit Verzögerung als einzelne Insolvenz einer Vertriebs-, Handels- oder Projektgesellschaft in den amtlichen Bekanntmachungen auf. Genau diese Fälle macht die Insolvenzkarte sichtbar.14
3. Ein Markt unter Dauerdruck
Insolvenzen prägten lange vor allem Gastronomie, Handel und Bau. Doch die Firmenpleiten erreichen inzwischen Rekordhöhen, und die Energiewirtschaft steht mitten im Strukturwandel.
24.064 Unternehmensinsolvenzen gab es 2025 in Deutschland.
Das waren 10,3 Prozent mehr als im Vorjahr und der höchste Wert seit 2014, als 24.085 Fälle gezählt wurden. Nach kräftigen Anstiegen 2023 und 2024 ist die Talsohle der Niedrigzins-Jahre damit endgültig durchschritten.15
Rund 47,9 Milliarden Euro Forderungen blieben offen.
So hoch schätzt das Statistische Bundesamt die Gläubigerforderungen aus den 2025 gemeldeten Unternehmensinsolvenzen. Hinter jeder Pleite stehen Lieferanten, Banken und Kunden, die auf einem Teil ihrer Außenstände sitzen bleiben.16
Rund 285.000 Arbeitnehmer waren 2025 von Insolvenzen betroffen.
Nach Auswertung von Creditreform meldeten 2025 rund 23.900 Firmen Insolvenz an, ein Plus von 8,3 Prozent und der höchste Stand seit über zehn Jahren. Geschätzt 285.000 Beschäftigte waren davon betroffen.17
Die Firmenpleiten erreichten den höchsten Stand seit über 20 Jahren.
Der IWH-Insolvenztrend des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle zählte 2025 rund 17.604 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften, der höchste Wert seit 2005 und sogar mehr als nach der Finanzkrise 2009.18
Rund 170.000 Arbeitsplätze waren 2025 von Insolvenzen betroffen.
Auch nach Berechnung des IWH Halle war 2025 ein sehr schweres Jahr. Allein im Dezember lagen die Pleiten von Kapital- und Personengesellschaften 75 Prozent über einem typischen Dezember der Vorkrisenjahre 2016 bis 2019.19
Über 2.000 Unternehmen kümmern sich um die Energieversorgung.
Laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft sorgen mehr als 2.000 Unternehmen für die Energieversorgung in Deutschland. Allein bei Strom können Privatkunden zwischen über 1.350 Anbietern wählen, ein zersplitterter Markt, in dem kleine Spieler besonders verwundbar sind.20
Die Verarbeitende Industrie verzeichnete 2025 ein Plus von 10,3 Prozent.
Nach Creditreform stiegen die Insolvenzen im verarbeitenden Gewerbe und im Handel jeweils um über 10 Prozent. Hohe Energiekosten zählen dabei zu den strukturellen Belastungen, die energieintensive Betriebe besonders treffen.21
Kommunale Versorger forderten 2022 einen eigenen Rettungsschirm.
Auf dem Höhepunkt der Krise schlug der Deutsche Städtetag Alarm und forderte einen Rettungsschirm für kommunale Energieversorger, weil explodierende Beschaffungskosten und Liquiditätsengpässe selbst Stadtwerke in Schieflage brachten.22
4. Die neue Pleitewelle: Solar und Energiewende
Während die Discounter-Pleiten der Energiekrise abebbten, baut sich eine zweite Welle auf, diesmal getrieben durch fallende Preise und einen brutalen Wettbewerb in der Solarbranche.
2025 erfasste eine Pleitewelle die deutsche Solarbranche.
Reihenweise meldeten Photovoltaik-Anbieter Insolvenz an, zahlreiche Projekte verzögerten sich oder wurden gar nicht mehr fertiggestellt. Billige Module aus China, sinkende Marktpreise und gestiegene Montagekosten setzten die Branche massiv unter Druck.23
Die Sun-Contracting-Gruppe ging mit rund 47 Millionen Euro Schulden pleite.
Ende Oktober 2025 meldeten mehrere Gesellschaften der Sun-Contracting-Gruppe Insolvenz an, mit Verbindlichkeiten von etwa 47 Millionen Euro. Das Geschäftsmodell stützte sich vor allem auf Anleihen und nachrangige Darlehen, betroffen sind Tausende Anleger.24
2024 gab es 459 Stunden mit negativen Strompreisen an der Börse.
An der Strombörse EPEX Spot rutschte der Day-Ahead-Preis 2024 in 459 Stunden ins Negative, ein Rekord nach 301 Stunden 2023 und nur 146 Stunden 2019. Für Erzeuger ohne flexible Vermarktung bedeutet das wegbrechende Erlöse.25
Kunden mit Vorkasse riskieren bei einer Solar-Pleite den Totalverlust.
Wer eine Anzahlung geleistet hat oder auf die Fertigstellung seiner Anlage wartet, kann bei einer Insolvenz Geld und Leistung verlieren. Besonders riskant ist das bei Vorkasse und Projekten ohne ausreichende Sicherheiten, ein Muster, das schon die Stromdiscounter prägte.26
5. Die Ursachen der Krise
Der Börsenstrompreis schoss 2022 auf bis zu 488 Euro je Megawattstunde.
Im Sommer 2022 erreichte der Großhandelspreis für Strom Rekordwerte um 450 bis 488 Euro je Megawattstunde, getrieben vom extrem hohen Gaspreis über den Merit-Order-Effekt. Wer langfristige Festpreisverträge mit Kunden hatte, fuhr mit jeder gelieferten Kilowattstunde Verluste ein.27
Im Schnitt kostete Strom 2022 rund dreimal so viel wie im Vorjahr.
Von Januar bis Oktober 2022 lag der Großhandelspreis im Mittel bei etwa 240 Euro je Megawattstunde, rund dreimal so hoch wie 2021 und mehr als achtmal so viel wie 2020. Discounter mit reinem Spotmarkteinkauf hatten dieser Dynamik nichts entgegenzusetzen.28
Haushaltsstrom kostete 2025 im Schnitt 39,6 Cent je Kilowattstunde.
Nach der Strompreisanalyse des BDEW lag der durchschnittliche Haushaltspreis 2025 bei 39,6 Cent je Kilowattstunde, nur leicht unter dem Vorjahr. Deutsche Haushalte zahlten damit rund ein Drittel mehr als im europäischen Durchschnitt, ein dauerhafter Standortnachteil.29
Mittelständische Industrie zahlte 2025 rund 18,3 Cent je Kilowattstunde.
Für kleine und mittlere Industriebetriebe lag der Strompreis Mitte 2025 bei rund 18,3 Cent je Kilowattstunde, gut 1,2 Cent über dem Vorjahresschnitt. Hohe und schwankende Energiekosten gelten als einer der Treiber hinter den Rekordinsolvenzen energieintensiver Betriebe.30
Die nächsten Fälle stehen schon in den Bekanntmachungen.
Solange Preise und Margen am Energiemarkt unter Druck bleiben, dürften weitere Versorger, Händler und Projektgesellschaften folgen. Wer wissen will, welche Standorte gerade betroffen sind, sieht das auf der Insolvenzkarte oft Tage vor den Schlagzeilen.31