Lange galt die Pflegebranche als krisenfest, der demografische Wandel sicherte die Nachfrage. Doch seit 2023 häufen sich Insolvenzanträge, Trägerwechsel und Schließungen. Besonders kleinere Heime und ambulante Dienste geraten unter Druck, weil ihre Kosten schneller steigen als die Vergütung. Die folgenden über 35 Zahlen ordnen ein, wie groß das Problem wirklich ist, mit Stand September 2026.
1. Die Insolvenzlage in der Pflege
1.097 Pflegeangebote waren seit Anfang 2023 von Insolvenz oder Schließung betroffen.
Diese Zahl meldete der Arbeitgeberverband Pflege zum Stichtag 31. Juli 2024. Erfasst sind Insolvenzen, Schließungen und öffentlich bekannte Angebotseinschränkungen in der Altenpflege.1
Bis Anfang 2025 wuchs die Liste auf über 1.200 betroffene Einrichtungen.
Seit Anfang 2024 wurden bei mehr als 1.200 Pflege-Einrichtungen Insolvenzen oder Schließungen bekannt. Der Verband spricht offen von einem schleichenden Heimsterben.2
In unserer Datenbank wird der Trend täglich sichtbar.
Bei InsolvenzTracker registrieren wir jede neue Insolvenzeröffnung aus den amtlichen Bekanntmachungen, oft Wochen bevor die offizielle Statistik erscheint. Pflegeheime und Pflegedienste sind dabei überdurchschnittlich vertreten.3
Aktuell zählt der Arbeitgeberverband Pflege über 1.264 betroffene Pflegeangebote.
Der Verband pflegt seine Deutschlandkarte zum Heimsterben laufend fort. Der zuletzt öffentlich einsehbare, kumulierte Stand liegt bei über 1.264 Pflegeangeboten, die seit 2023 von Insolvenz, Schließung oder Leistungseinschränkung betroffen waren. Eine neue Gesamtzahl über diesen Stand hinaus hat der Verband bis September 2026 nicht veröffentlicht.32
Zwischenstand 2026: Eigene Auswertung von InsolvenzTracker zeigt ein hohes Plateau, aber keinen neuen Rekord.
In unserer eigenen Datenbank zählen wir eröffnete Firmeninsolvenzen von Pflege- und Betreuungsbetrieben, also Kapitalgesellschaften ohne Einzelunternehmer. Stichtag ist der 4. September 2026. Danach eröffneten die Amtsgerichte 2020 insgesamt 26 solcher Insolvenzverfahren, 2021 waren es 37, 2022 46. 2023 sprang die Zahl auf 110, 2024 erreichte sie mit 138 ihren bisherigen Höchstwert. 2025 lag sie bei 106 und für 2026 zählen wir bis Anfang September bereits 97 Fälle, in den vergangenen zwölf Monaten waren es 127. Seit 2020 summieren sich damit 560 eröffnete Firmeninsolvenzen in der Pflegebranche. Unser Befund: nach dem Sprung 2023 und dem Höchstwert 2024 bleibt das Niveau seither hoch, ohne dass 2025 oder 2026 ein neuer Rekord folgt. Das laufende Jahr 2026 bewegt sich damit ungefähr auf Vorjahresniveau, nicht darüber.35
Im ersten Quartal 2026 waren 15 Pflege-Betreiber von Insolvenz betroffen, rund 300 Prozent mehr als im Vorjahr.
Laut Branchenupdate von Pflegemarkt.com meldeten im ersten Quartal 2026 15 Betreiber mit insgesamt 18 Heimen und 1.192 Betten Insolvenz an. Das Jahr 2026 startete damit deutlich angespannter als die Vorjahresquartale.33
Mehr als 100 Pflegeunternehmen meldeten 2024 Insolvenz an.
Allein im Kalenderjahr 2024 stellten über 100 Unternehmen aus der Pflege einen Insolvenzantrag. Im Januar 2025 kamen direkt 15 weitere Pflegeunternehmen hinzu.4
Wir zählen ausschließlich echte Firmeninsolvenzen.
Für diese Auswertung filtern wir auf eröffnete Unternehmensinsolvenzen und blenden Privatinsolvenzen, Einzelunternehmer und Nachlassverfahren aus. Jeder Fall ist um Branche, Rechtsform, Standort und zuständiges Amtsgericht angereichert, so lässt sich die Pflege sauber isolieren.5
Im Gesundheits- und Sozialwesen stiegen die Insolvenzen in Bayern um 69,2 Prozent.
Im ersten Halbjahr 2024 zählte das Landesamt 44 Verfahren in diesem Wirtschaftsabschnitt, nach 26 im Vorjahreszeitraum. Mit 6.258 betroffenen Beschäftigten war kaum eine Branche so stark belastet.6
Jeden Tag kommen neue Fälle hinzu.
Auf der Insolvenzkarte sehen wir die Eröffnungen nahezu in Echtzeit. Gerade aus der Pflege ist kaum eine Woche ohne neue Einträge zur Normalität geworden.7
Die Pflegekrise lässt sich datenbasiert bis ins Detail nachzeichnen.
Auswertungen zur Pflegekrise zeigen Schließungen und Insolvenzen der Pflegeheime über Jahre hinweg. Der Bereich Gesundheit und Pflege gehört dabei zu den auffällig stark betroffenen Branchen.8
Auch in der ZDF-Auswertung steigt die Zahl insolventer Einrichtungen stetig.
Immer mehr Pflegeheime und Pflegedienste sind von Insolvenz oder Schließung betroffen. Die Datenlage bestätigt einen anhaltenden Aufwärtstrend, der sich seit 2023 nicht umgekehrt hat.9
2. Schließungen: Plätze und Patienten
Nicht jede Insolvenz endet in der Schließung, viele Einrichtungen werden saniert oder von neuen Trägern übernommen. Doch wo dauerhaft geschlossen wird, fehlen Plätze für Pflegebedürftige.
2024 wurden 497 Pflegeeinrichtungen dauerhaft geschlossen.
Im Detail waren das 112 Pflegeheime, 274 Pflegedienste und 111 Tagespflegen. In der Summe verschwanden damit hunderte Versorgungsangebote vom Markt.10
5.596 vollstationäre Pflegeplätze gingen 2024 verloren.
So viele Heimplätze fielen durch die Schließungen weg. Hinzu kamen 1.409 wegfallende Tagespflegeplätze, die ebenfalls dringend gebraucht würden.11
15.926 Patienten verloren 2024 ihren ambulanten Pflegedienst.
So viele Menschen waren von den 274 geschlossenen ambulanten Diensten betroffen. Für sie bedeutet eine Schließung oft mühsame Suche nach einem neuen Anbieter, der freie Kapazitäten hat.12
Rund 80 Prozent der insolventen Einrichtungen schließen nicht.
Eine Insolvenz bedeutet nicht automatisch das Ende, viele Heime und Dienste laufen unter neuem Träger oder nach Sanierung weiter. Brutto- und Nettozahlen weichen daher deutlich voneinander ab.13
2024 wurden zugleich 111 neue Heime und 569 neue Dienste eröffnet.
Den 497 Schließungen standen also auch Neugründungen gegenüber, in Summe sogar mehr Plätze als verloren gingen. Der Markt schrumpft nicht flächendeckend, er sortiert sich um, oft zulasten kleiner Anbieter.14
2025 setzte sich die Schließungswelle ungebremst fort.
Über das Jahr 2025 wurden 72 Pflegeheime, 317 Pflegedienste und 80 Tagespflegen geschlossen. Dabei gingen weitere 5.711 vollstationäre Plätze verloren und rund 24.398 ambulant versorgte Patienten waren betroffen.15
Von Januar bis Juli 2026 wurden bereits 42 Pflegeheime, 266 Pflegedienste und 81 Tagespflegen geschlossen.
Nach Zahlen von Pflegemarkt.com, zuletzt aktualisiert am 12. August 2026, gingen in den ersten sieben Monaten 2026 dadurch 2.878 vollstationäre Plätze, 1.028 Tagespflegeplätze und die Versorgung von 16.342 ambulant betreuten Patienten verloren. Die Schließungswelle aus 2024 und 2025 setzt sich damit unvermindert fort.34
3. Regionale Brennpunkte
In Nordrhein-Westfalen verfünffachten sich die Pflege-Insolvenzen.
2023 meldeten 130 Pflegeeinrichtungen in NRW Zahlungsunfähigkeit, nach nur 26 im Jahr 2022. Betroffen waren 48 vollstationäre Heime, 30 teilstationäre Angebote, 47 ambulante Dienste und 5 Kurzzeitpflegen.16
In Niedersachsen gab es 2024 im Gesundheits- und Sozialwesen 72 Insolvenzen.
Diese 72 Verfahren bedrohten 2.102 Arbeitsplätze, das waren 13,5 Prozent aller im Land durch Insolvenzen gefährdeten Stellen. Pflege- und Gesundheitsbetriebe sind im Schnitt größer als der typische insolvente Betrieb.17
Rund 29 Beschäftigte sind pro Pflege-Insolvenz betroffen.
In Niedersachsen lag die durchschnittliche Betriebsgröße im Gesundheits- und Sozialwesen bei etwa 29 Beschäftigten je Insolvenz, gegenüber rund 8,5 über alle Branchen. Eine Pflegeinsolvenz reißt also überdurchschnittlich viele Jobs mit.18
Die Insolvenzen ballen sich regional.
In unseren Daten konzentrieren sich die Pflege-Insolvenzen in einzelnen Regionen, in denen Träger, Tarifkosten und Belegung besonders auseinanderlaufen. Wo ein großes Heim schließt, fehlt vor Ort oft schnell die Alternative. Die regionale Verteilung lässt sich live in unseren Statistiken nachvollziehen.19
4. Wenn ganze Ketten kippen
Die Krise trifft nicht nur kleine Familienbetriebe. Auch große Betreiber mit dutzenden Standorten und tausenden Mitarbeitern sind ins Wanken geraten.
Die Argentum Pflege Gruppe meldete mit 60 Standorten Insolvenz an.
Am 1. April 2025 stellte die Gruppe Insolvenzantrag. Betroffen waren rund 2.800 Mitarbeitende und etwa 2.000 Bewohner, darunter 39 Pflegeheime mit 3.764 Plätzen.20
2026 meldete auch die Pflegekette Ambiente Care Süd Insolvenz an.
Das Verfahren wurde am 1. Mai 2026 am Amtsgericht München eröffnet. Betroffen waren sechs bis sieben Einrichtungen in vier Bundesländern mit rund 585 bis 740 Beschäftigten und Bewohnern. Einzelne Standorte wurden von der Heimaufsicht geschlossen, für andere fanden sich neue Betreiber, etwa Rhemia Residenzen für die Häuser in Velbert und Rotenburg.36
Auch die Domus Cura Pflegezentrum Hildesheim GmbH musste 2026 Insolvenz anmelden.
Der Insolvenzantrag folgte im Februar 2026, seit dem 11. Februar 2026 lief ein vorläufiges Verfahren. Zum 14. März 2026 übernahm die SWB care GmbH den Betrieb, sodass die Versorgung vor Ort erhalten blieb.37
Auch Großbetreiber mit über 2.000 Beschäftigten gingen in die Insolvenz.
Unter den Großinsolvenzen 2025 finden sich Pflegekonzerne mit jeweils mehr als 2.000 Mitarbeitern. Bei Unternehmen mit über 250 Beschäftigten kamen gerade aus dem Gesundheits- und Pflegebereich auffällig viele Fälle.21
Selbst Kliniken geraten reihenweise in die Insolvenz.
Zwischen 2020 und 2024 meldeten 88 Krankenhäuser und Kliniken in Deutschland Insolvenz an, allein 23 davon 2024 und 34 in 2023. Zum Vergleich: 2018 und 2019 waren es nur je rund 10 Fälle.22
In unseren Daten zerfallen Ketten-Schlagzeilen in einzelne Standortpleiten.
Was als Konzern- oder Ketten-Schlagzeile beginnt, taucht mit Verzögerung als einzelne Standortpleite eines Heims oder Dienstes in den amtlichen Bekanntmachungen auf. Genau diese Fälle macht die Insolvenzkarte sichtbar.23
5. Ursachen und Ausblick
Die Personalkosten machen rund drei Viertel der Ausgaben aus.
Bei vielen ambulanten Diensten liegt der Lohnkostenanteil bei etwa 75 Prozent. Steigt dieser Block, schlägt das fast ungefiltert auf das Ergebnis durch, anders als in weniger personalintensiven Branchen.24
Die Tarifpflicht trieb die Personalkosten teils um bis zu 30 Prozent.
Seit der verpflichtenden Tarifbindung in der Pflege stiegen die Löhne kräftig. Für manche Dienste bedeutete das gestiegene Personalkosten von bis zu 30 Prozent, ohne dass die Refinanzierung im gleichen Tempo nachzog.25
Der Eigenanteil im Heim stieg auf rund 2.871 Euro im Monat.
Im ersten Aufenthaltsjahr zahlten Heimbewohner im Bundesdurchschnitt 2.871 Euro selbst, 211 Euro mehr als ein Jahr zuvor. Hohe Eigenanteile drücken die Nachfrage und damit die so wichtige Auslastung.26
Heime brauchen rund 98 Prozent Auslastung, um rentabel zu sein.
Schon wenige leere Betten kippen die Kalkulation. Bleiben Pflegekräfte aus oder springen Bewohner ab, rutschen Einrichtungen schnell in die roten Zahlen, ein zentraler Treiber der Insolvenzwelle.27
5,69 Millionen Menschen waren Ende 2023 pflegebedürftig.
Binnen zwei Jahren stieg die Zahl um 730.000 Personen (+15 Prozent). Der Bedarf wächst also rasant, während gleichzeitig Versorgungsangebote wegbrechen.28
Bis 2055 werden rund 6,8 Millionen Pflegebedürftige erwartet.
Das wäre ein Anstieg um etwa 37 Prozent gegenüber 2021. Schon bis 2035 dürften es rund 5,6 Millionen sein. Die Schere zwischen wachsender Nachfrage und schließenden Heimen öffnet sich weiter.29
Bis 2049 könnten zwischen 280.000 und 690.000 Pflegekräfte fehlen.
Das ergibt die Pflegekräftevorausberechnung des Statistischen Bundesamtes. Der Fachkräftemangel verschärft die wirtschaftliche Lage zusätzlich, weil Betten ohne Personal nicht belegt werden dürfen.30
2026 ist ein Insolvenzjahr wie seit Jahrzehnten nicht, das trifft auch die Pflege.
Laut IWH Insolvenztrend meldeten im zweiten Quartal 2026 knapp 5.000 Kapital- und Personengesellschaften Insolvenz an, der höchste Stand seit dem zweiten Quartal 2005. Creditreform zählte im ersten Halbjahr 2026 rund 12.900 Unternehmensinsolvenzen, so viele wie zuletzt 2013. Vor diesem gesamtwirtschaftlichen Hintergrund bleibt die Pflege zwar ein Sonderfall, weil sie besonders personalintensiv und stark reguliert ist, doch die Zahlen zeigen: die Insolvenzwelle 2026 betrifft die deutsche Wirtschaft insgesamt, nicht nur einzelne Branchen.3839
Die nächsten Fälle stehen schon in den Bekanntmachungen.
Solange Kosten und Refinanzierung auseinanderlaufen, dürften weitere Insolvenzen folgen, in Heimen, Diensten und Tagespflegen gleichermaßen. Wer wissen will, welche Standorte gerade betroffen sind, sieht das auf der Insolvenzkarte oft Tage vor den Schlagzeilen.31