Jahrzehntelang galt das Krankenhaus als unverzichtbar und damit als sicher. Inzwischen melden Häuser aller Trägerformen Insolvenz an, Standorte schließen, ganze Regionen verlieren ihre Grundversorgung. Besonders kleinere und frei-gemeinnützige Kliniken geraten unter Druck. Die folgenden über 30 Zahlen ordnen ein, wie groß das Problem wirklich ist.
1. Die Insolvenzwelle in Zahlen
88 Krankenhäuser und Kliniken meldeten zwischen 2020 und 2024 Insolvenz an.
Das ist ein dramatischer Sprung gegenüber früheren Jahren. 2018 und 2019 wurden jeweils nur 10 Klinikinsolvenzen registriert. Die Welle setzte mit der Pandemie ein und ist seither nicht abgeebbt.1
In unserer Datenbank wird der Trend täglich sichtbar.
Bei InsolvenzTracker registrieren wir jede neue Insolvenzeröffnung aus den amtlichen Bekanntmachungen, oft Wochen bevor die offizielle Statistik erscheint. Der Bereich Krankenhäuser und Kliniken ist dabei überdurchschnittlich vertreten.2
2024 mussten mindestens 24 Krankenhäuser Insolvenz anmelden.
Von diesen 24 bekannten Verfahren entfielen 16 auf Häuser in frei-gemeinnütziger Trägerschaft, 7 auf öffentliche und 1 auf einen privaten Klinikbetreiber. Gerade die kommunalen und kirchlichen Träger trifft die Krise hart.3
2025 gab es 23 Insolvenzmeldungen, die 36 Klinikstandorte betrafen.
Weil hinter einer Trägergesellschaft oft mehrere Häuser stehen, ist die Zahl der betroffenen Standorte deutlich höher als die der Verfahren. 2024 waren es bei 14 erfassten Meldungen noch 21 Standorte.4
Wir zählen ausschließlich echte Firmeninsolvenzen.
Für diese Auswertung filtern wir auf eröffnete Unternehmensinsolvenzen und blenden Privatinsolvenzen, Einzelunternehmer und Nachlassverfahren aus. Jeder Fall ist um Branche, Rechtsform, Standort und zuständiges Amtsgericht angereichert, so lässt sich der Klinikbereich sauber isolieren.5
Seit Juli 2022 wurden mindestens 40 Krankenhäuser von Insolvenzverfahren erfasst.
Das meldete der Verband der Ersatzkassen, gemessen an damals rund 1.650 Krankenhäusern. Ein Insolvenzverfahren bedeutet dabei nicht automatisch die Schließung, viele Häuser werden saniert oder von neuen Trägern übernommen.6
Die meisten Klinikinsolvenzen ballten sich in den alten Bundesländern.
Nordrhein-Westfalen führte mit 11 betroffenen Häusern, gefolgt von Bayern mit 7 und Rheinland-Pfalz mit 6. Rund 40 Prozent der Fälle lagen in städtischen Regionen, der Rest verteilte sich auf den ländlichen Raum.7
Jeden Tag kommen neue Fälle hinzu.
Auf der Insolvenzkarte sehen wir die Eröffnungen nahezu in Echtzeit. Gerade aus dem Gesundheitswesen, von Klinikträgern über Reha-Einrichtungen bis zu Pflegegesellschaften, ist kaum eine Woche ohne neue Einträge zur Normalität geworden.8
Die Insolvenzen ballen sich regional.
In unseren Daten konzentrieren sich die Klinikfälle dort, wo viele kleine Häuser eng beieinanderliegen und kommunale Träger finanziell ausgezehrt sind. Besonders ländliche Standorte trifft der Wegfall eines Krankenhauses hart, weil die nächste Klinik dann weit entfernt ist. Die regionale Verteilung lässt sich live in unseren Statistiken nachvollziehen.9
2. Wie tief die Kliniken in den roten Zahlen stecken
Insolvenzen sind nur die Spitze des Eisbergs. Dahinter steht eine Branche, die in der Breite Verluste schreibt und kaum noch finanzielle Puffer hat.
66 Prozent der Krankenhäuser schrieben 2024 Verluste.
Zwei von drei Häusern machten ein negatives Jahresergebnis, ein Anstieg um fünf Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr. Das Krankenhaus-Barometer spricht von der dramatischsten wirtschaftlichen Lage seit Einführung der Fallpauschalen 2003.10
Das Branchendefizit lag 2024 bei 12,7 Milliarden Euro.
So hoch beziffert die Deutsche Krankenhausgesellschaft das Gesamtdefizit der deutschen Krankenhäuser, nachdem die Defizituhr an die tatsächliche Inflation angepasst wurde. Zwischen Einnahmen und Ausgaben für die Patientenversorgung klafft eine Lücke von rund 10 Milliarden Euro.11
Nur 6 Prozent der Kliniken bewerteten ihre Lage als eher gut.
Das ist der niedrigste Wert seit Beginn der Erhebung. Umgekehrt stuften 80 Prozent der Häuser ihre wirtschaftliche Situation als unbefriedigend ein, ein historischer Höchststand.12
Die Hälfte der Kliniken hatte nur Bargeld für zwei Wochen.
Rund 50 Prozent der Häuser konnten ihren Finanzbedarf mit den freien Mitteln nur für zwei Wochen oder weniger decken. Empfohlen wäre mindestens eine vierwöchige Reserve. Eine dünne Liquiditätsdecke ist einer der häufigsten Auslöser einer Insolvenz.13
16 Prozent der Krankenhäuser stehen im roten Bereich mit erhöhter Insolvenzgefahr.
Der Krankenhaus Rating Report ordnete weitere 21 Prozent dem gelben und 63 Prozent dem grünen Bereich zu. Die durchschnittliche Insolvenzwahrscheinlichkeit stieg 2023 auf 1,8 Prozent.14
Erstmals fiel das durchschnittliche Jahresergebnis unter null.
2023 rutschte das mittlere Ergebnis der Krankenhäuser auf minus 0,2 Prozent der Erlöse. Über die Hälfte aller Häuser, rund 56 Prozent, dürfte einen negativen Jahresabschluss ausweisen.15
Für 2025 rechneten 70 Prozent der Häuser mit einem Fehlbetrag.
Statt einer Erholung erwartete die Mehrheit der Kliniken eine weitere Verschlechterung. Zwei Drittel gingen davon aus, dass sich ihre wirtschaftliche Lage 2025 noch verschärft.16
90 Prozent der Kliniken beklagten fehlende Planungssicherheit.
Die Krankenhausreform sorgt für Unruhe. Neun von zehn befragten Häusern kritisierten Unsicherheit über die künftige Leistungsstruktur, die Fallzahlentwicklung und die eigene Liquidität, ein Klima, in dem Investitionen und Sanierungen stocken.17
3. Schließungen und schrumpfende Kliniklandschaft
2025 wurden 13 Krankenhäuser mit 1.287 Betten geschlossen.
Betroffen waren Häuser aller Trägerformen: 7 frei-gemeinnützige, 4 private und 2 öffentliche. Die Schließungen verteilten sich auf Bayern, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg.18
Seit 2020 sind 101 Krankenhäuser mit rund 12.456 Betten verschwunden.
Die Schließungen der vergangenen Jahre summieren sich zu einem spürbaren Aderlass an stationärer Versorgung. Für 2026 und 2027 liegen bereits mehr Schließungsbeschlüsse vor, als 2025 tatsächlich umgesetzt wurden.19
Seit 1985 ging die Zahl der Krankenhäuser um fast ein Viertel zurück.
In den ostdeutschen Bundesländern gab es Mitte der 1980er Jahre noch 537 Krankenhäuser, 2024 waren es nur noch 268. Allein in den vergangenen zehn Jahren verschwanden bundesweit rund 200 Einrichtungen durch Schließung oder Fusion.20
Was als Ketten-Schlagzeile beginnt, wird zur einzelnen Standortpleite.
Große Klinikträger betreiben oft ein Dutzend Häuser unter einem Dach. Gerät der Konzern in Schieflage, taucht das mit Verzögerung als einzelne Insolvenz einer Trägergesellschaft oder eines Standorts in den amtlichen Bekanntmachungen auf. Genau diese Fälle macht die Insolvenzkarte sichtbar.21
Eine einzige Klinikschließung kostete 2025 rund 200 Arbeitsplätze.
Bei der Schließung der Helios Klinik Schkeuditz in Sachsen mit 150 Betten waren etwa 200 Beschäftigte betroffen. Andere Häuser wie das Klinikum Mittelmosel in Zell (110 Betten) wurden ebenfalls dichtgemacht. Hinter jeder Insolvenz stehen konkrete Stellen und Patienten.22
4. Die Branche: Betten, Personal, Patienten
Um die Wucht der Krise einzuordnen, hilft ein Blick auf die schiere Größe des Krankenhaussektors.
2024 gab es in Deutschland noch 1.841 Krankenhäuser.
Im Jahresdurchschnitt hielten sie rund 472.900 Betten vor, darunter 26.000 Intensivbetten. Jedes geschlossene Haus reduziert die wohnortnahe Versorgung weiter, vor allem in dünn besiedelten Regionen.23
Erstmals arbeiteten über eine Million Vollzeitkräfte in Krankenhäusern.
2024 überschritt die Zahl der Beschäftigten mit 1.014.800 Vollzeitäquivalenten erstmals seit Beginn der Krankenhausstatistik 1991 die Millionengrenze. Davon entfielen 180.400 auf den ärztlichen und 834.400 auf den nichtärztlichen Dienst.24
17,5 Millionen Patientinnen und Patienten wurden 2024 stationär behandelt.
Das waren 2,0 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Nachfrage steigt also, während gleichzeitig Häuser schließen, ein Spannungsfeld, das die verbliebenen Kliniken zusätzlich belastet.25
Die Bettenauslastung lag 2024 bei nur 72,0 Prozent.
Trotz steigender Fallzahlen blieb mehr als jedes vierte Bett im Schnitt leer. Ungenutzte Kapazitäten bei gleichzeitig hohen Fixkosten sind ein klassischer Treiber für defizitäre Häuser.26
Rund 2.490 Einrichtungen umfasst der Klinik- und Reha-Sektor insgesamt.
Zählt man Krankenhäuser, Reha- und Vorsorgeeinrichtungen zusammen, kommt die Branche auf etwa 2.490 Häuser. In der zugrunde liegenden Auswertung von 970 Jahresabschlüssen schrieben 38,3 Prozent der Einrichtungen Verluste.27
5. Ursachen und Ausblick
Die fehlende Inflationsausgleichung ist der Kern des Problems.
Kliniken können ihre Preise nicht selbst an die Inflation anpassen, tragen aber dieselben gestiegenen Kosten für Personal, Energie und Material wie andere Branchen. 88 Prozent der Häuser berichten, dass diese Kostensteigerungen ihre Liquidität stark oder sehr stark belasten.28
Ab 2026 soll ein Transformationsfonds von bis zu 50 Milliarden Euro entlasten.
Von 2026 bis 2035 stellt der Bund über das Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz bis zu 50 Milliarden Euro bereit, je zur Hälfte aus der Liquiditätsreserve der gesetzlichen Krankenversicherung und von den Bundesländern. Ob das Geld rechtzeitig bei den klammen Häusern ankommt, bleibt offen.29
Nur 13 Prozent der Kliniken erwarteten für 2026 eine Verbesserung.
Die große Mehrheit rechnet trotz Reform weiter mit schwierigen Bedingungen. Solange die Unterfinanzierung anhält und die Strukturreform sich erst entfaltet, dürften weitere Insolvenzen und Schließungen folgen.30
Die nächsten Fälle stehen schon in den Bekanntmachungen.
Viele Träger gehen über die Eigenverwaltung in die Sanierung, werden verkleinert, verkauft oder zerschlagen. Solange Defizite und dünne Liquidität bestehen bleiben, dürften weitere Klinikinsolvenzen folgen. Wer wissen will, welche Standorte gerade betroffen sind, sieht das auf der Insolvenzkarte oft Tage vor den Schlagzeilen.31