Lange galt Deutschland als sicherer Hafen für Vermögen. Jahr für Jahr zogen mehr wohlhabende Menschen zu, als das Land verließen. Dieses Bild hat sich gedreht. Vermögende, Familienunternehmer und ihre Investitionen suchen zunehmend das Ausland. Die folgenden über 30 Zahlen ordnen ein, wie groß diese Bewegung wirklich ist und wie sie mit der wirtschaftlichen Lage zusammenhängt.
1. Die Abwanderung in Zahlen
2025 verlassen netto rund 400 Millionäre Deutschland.
Der Henley Private Wealth Migration Report rechnet für 2025 erstmals seit Beginn der Erhebungen mit einem Netto-Verlust an Dollar-Millionären. Es ist eine historische Trendwende für ein Land, das jahrelang Vermögende anzog.1
Mit den Millionären fließen rund zwei Milliarden Euro ab.
Die deutsche Wirtschaftspresse beziffert den mit der Abwanderung von 2025 verbundenen Kapitalabfluss auf etwa zwei Milliarden Euro. Hinter jedem auswandernden Vermögenden steht Kapital, das künftig anderswo investiert wird.2
Weltweit wandern 2025 rund 142.000 Millionäre aus.
Das ist ein Allzeithoch und mehr als die 128.000 des Vorjahres. Henley & Partners spricht von der größten Vermögensmigration der Geschichte. Die Mobilität des Geldes nimmt global rasant zu.3
Für 2026 werden bereits 165.000 auswandernde Millionäre erwartet.
Die Folgeprognose von Henley & Partners sieht einen weiteren Anstieg um rund 16 Prozent. Die Bewegung verstärkt sich also, statt abzuebben, und Deutschland zählt dabei weiter zu den Verlierern.4
In Deutschland leben rund 2,8 Millionen Dollar-Millionäre.
Der UBS Global Wealth Report zählte zuletzt etwa 2,82 Millionen Erwachsene mit einem Vermögen von über einer Million US-Dollar. Schon kleine Wanderungsbewegungen an der Spitze haben spürbare Folgen für Steueraufkommen und Investitionen.5
Jährlich verlassen rund 265.000 Deutsche das Land.
Nach der Wanderungsstatistik des Statistischen Bundesamtes waren 2023 etwa 265.000 der Fortzüge Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit. Die Auswanderung Vermögender ist also Teil einer breiteren Abwanderungsbewegung gut Qualifizierter.6
Netto verlassen rund 80.000 mehr Deutsche das Land, als zurückkehren.
Bei deutschen Staatsangehörigen ist die Wanderungsbilanz seit Jahren negativ. 2023 zogen etwa 80.000 mehr Deutsche fort, als heimkehrten. Besonders gut Ausgebildete und Selbstständige sind in dieser Gruppe überrepräsentiert.7
2. Wohin die Millionäre ziehen
Die Abwanderung hat klare Ziele. Niedrige Steuern, Rechtssicherheit und Lebensqualität entscheiden, wo Vermögende ihren Wohnsitz neu aufschlagen.
Die Vereinigten Arabischen Emirate gewinnen 2025 netto 9.800 Millionäre.
Dubai und Abu Dhabi sind das mit Abstand stärkste Ziel der weltweiten Vermögensmigration. Null Einkommen- und Vermögensteuer, langfristige Visa und hohe Lebensqualität machen die Emirate zum Magneten für Reiche.8
Mit den Millionären fließen rund 63 Milliarden Dollar in die Emirate.
Allein in den VAE summiert sich der erwartete Vermögenszufluss 2025 auf etwa 63 Milliarden US-Dollar, ein großer Teil davon fließt in den Immobilienmarkt Dubais. Rechnerisch lässt sich dort jede Stunde ein neuer Millionär nieder.9
Die USA gewinnen 2025 netto 7.500 Millionäre.
Das zweitstärkste Ziel der Welt zieht rund 7.500 vermögende Zuwanderer an, die ein Vermögen von etwa 43,7 Milliarden US-Dollar mitbringen. Wirtschaftliche Dynamik und Investitionschancen sind die Hauptargumente.10
Italien zieht 2025 netto 3.600 Millionäre an.
Südeuropa entwickelt sich zum neuen Schwerpunkt der Vermögensmigration in Europa. Italien lockt Reiche mit einer Pauschalsteuer auf Auslandseinkünfte und liegt damit europaweit vorn.11
Die Schweiz gewinnt 2025 netto rund 3.000 Millionäre.
Das Nachbarland bleibt für deutsche Vermögende das naheliegendste Ziel. Attraktive Steuerregime wie die Pauschalbesteuerung, Rechtssicherheit und gezielte Programme zur Investorenmigration machen die Schweiz besonders begehrt.12
Portugal und Griechenland ziehen netto 1.400 und 1.200 Millionäre an.
Beide Länder werben offensiv mit Aufenthalts- und Steuerprogrammen sowie Golden-Visa-Modellen. Auch sie profitieren davon, dass sich die wohlhabende Mitte Europas neu sortiert.13
Die Schweiz ist auch insgesamt das beliebteste Auswanderungsziel der Deutschen.
Anfang 2023 lebten rund 316.000 deutsche Staatsangehörige in der Schweiz, mehr als in jedem anderen europäischen Land. Es folgen Österreich und Spanien. Die Wanderung Vermögender folgt damit einem etablierten Pfad.14
3. Deutschland im internationalen Vergleich
Das Vereinigte Königreich verliert 2025 netto 16.500 Millionäre.
Großbritannien führt die weltweite Abwanderungsliste mit Abstand an, der größte Netto-Abfluss eines Landes seit Beginn der Erhebungen vor zehn Jahren. Auslöser war vor allem das Ende des Non-Dom-Steuerstatus.15
China verliert 2025 netto 7.800 Millionäre, Indien 3.500.
Nach Großbritannien folgen China und Indien als größte Abwanderungsländer. Hohe Steuerlast und politische Unsicherheit treiben dort viele Vermögende ins Ausland.16
Auch Frankreich und Spanien rutschen 2025 erstmals ins Minus.
Frankreich verliert netto rund 800, Spanien rund 500 Millionäre. Mit Deutschland verzeichnen damit erstmals drei große EU-Schwergewichte gleichzeitig einen Abfluss vermögender Bürger.17
Der Spitzensteuersatz liegt in Deutschland bei 47,5 Prozent.
Inklusive Solidaritätszuschlag erreicht die Einkommensteuer für Top-Verdiener rund 47,5 Prozent und damit etwa fünf Prozentpunkte über dem OECD-Durchschnitt. Für viele Vermögende ist die Steuerbelastung ein zentrales Motiv beim Wegzug.18
Im Standortwettbewerb für Familienunternehmen liegt Deutschland auf Platz 18 von 21.
Der Länderindex der Stiftung Familienunternehmen sieht Deutschland weit hinten, vier Plätze schlechter als 2020. Bei den Steuern reicht es nur für Rang 20, dem vorletzten Platz unter den Industriestaaten.19
Trotz Abwanderung soll die Zahl der Millionäre bis 2028 um 14 Prozent steigen.
Der UBS Global Wealth Report erwartet für Deutschland einen Anstieg auf rund 3,23 Millionen Dollar-Millionäre. Vermögenswachstum und Abwanderung schließen sich nicht aus, doch der Wegzug der Mobilsten trifft den Standort besonders.20
4. Wenn Unternehmen und Investitionen abwandern
Mit den Vermögenden wandern oft auch ihre Firmen und ihr Kapital. Gerade Familienunternehmen, das Rückgrat des deutschen Mittelstands, verlagern zunehmend ins Ausland.
34 Prozent der Familienunternehmen wollen ihre Investitionen in Deutschland senken.
Mehr als jedes dritte Familienunternehmen plant laut Stiftung Familienunternehmen, in den nächsten fünf Jahren weniger im Inland zu investieren. Nur 2 Prozent wollen Investitionen nach Deutschland zurückholen.21
Rund 91 Prozent der Familienunternehmen beklagen mehr Bürokratie seit 2022.
In einer Umfrage der Stiftung Familienunternehmen mit dem ifo Institut berichteten gut 90 Prozent der befragten Firmen von einem deutlichen Anstieg der bürokratischen Anforderungen. Der Vorstand spricht offen von einem Treiber der Abwanderung.22
Rund 46 Prozent verschoben Investitionen wegen bürokratischer Hürden.
Knapp die Hälfte der befragten Unternehmen hat in den vergangenen zwei Jahren geplante Investitionen aufgrund administrativer Hürden verschoben. Aufgeschobene Investitionen schwächen den Standort langfristig.23
Bei den größten Familienunternehmen denkt rund jedes zweite über eine Verlagerung nach.
Unter den 57 größten befragten Familienunternehmen mit zusammen über 400.000 Beschäftigten erwägen rund 43 Prozent, Geschäftsbereiche oder ganze Betriebe ins Ausland zu verlagern. Hier hängen besonders viele Arbeitsplätze an einer Entscheidung.24
USA, Polen, Indien und China stehen ganz oben auf den Investitionsplänen.
Wenn deutsche Familienunternehmen im Ausland investieren wollen, zielen sie laut Stiftung Familienunternehmen vor allem auf diese vier Länder. Niedrigere Regulierung und neue Märkte sind die Hauptmotive.25
35 Prozent der investitionswilligen Industriebetriebe nennen Kostensparen als Motiv.
Laut DIHK-Umfrage "Going International" ist das Motiv Kostenersparnis bei Auslandsinvestitionen so stark ausgeprägt wie zuletzt während der Finanzkrise. Investiert wird dann nicht für neue Märkte, sondern um teure Heimatkosten zu umgehen.26
63 Prozent der kostengetriebenen Investoren sehen die Arbeitskosten im Inland als Risiko.
Bei Betrieben, die vor allem aus Kostengründen ins Ausland gehen, gilt das hohe deutsche Lohnniveau laut DIHK als zentrales Risiko für die Geschäftsentwicklung. Solche Investitionen schaffen Jobs im Ausland statt im Inland.27
5. Standortschwäche und Insolvenzen
Die Abwanderung von Vermögen und Unternehmen ist Symptom einer breiteren Standortschwäche. Und diese Schwäche zeigt sich besonders direkt dort, wo Betriebe aufgeben müssen.
In unserer Datenbank wird die Standortschwäche täglich sichtbar.
Bei InsolvenzTracker registrieren wir jede neue Firmeninsolvenz aus den amtlichen Bekanntmachungen, oft Wochen bevor die offizielle Statistik erscheint. Dieselbe wirtschaftliche Schwäche, die Vermögende ins Ausland treibt, lässt im Inland Unternehmen scheitern.28
Wir zählen ausschließlich echte Firmeninsolvenzen.
Für unsere Auswertungen filtern wir auf eröffnete Unternehmensinsolvenzen und blenden Privatinsolvenzen, Einzelunternehmer und Nachlassverfahren aus. Jeder Fall ist um Branche, Rechtsform, Standort und Amtsgericht angereichert. Wo Familienbetriebe aufgeben, wird der Strukturwandel konkret. Die Entwicklung lässt sich live in unseren Statistiken nachvollziehen.29
Bürokratie, Energiepreise und Fachkräftemangel bremsen Investitionen am stärksten.
Regulierungsdichte (rund 90 Prozent), Energiepreise (rund 80 Prozent) und das Fachkräfteangebot (rund 80 Prozent) gelten Familienunternehmen als die größten Hemmnisse am Standort Deutschland. Genau diese Faktoren stehen auch hinter vielen Insolvenzen, die wir täglich erfassen.30
Die nächsten Fälle stehen schon in den Bekanntmachungen.
Solange Vermögende abwandern, Investitionen ausbleiben und die Standortkosten hoch bleiben, dürften weitere Insolvenzen folgen. Wer wissen will, welche Betriebe gerade betroffen sind, sieht das auf der Insolvenzkarte oft Tage vor den Schlagzeilen.31